Wortlos starren Enayat, Rahim und Gulnazar auf einen Bildschirm. Die drei Studenten sitzen vor einem Computer in Kabul, das Gerät teilen sie sich. Über das Internet verfolgen sie afghanische Nachrichten. Eine Schlagzeile lädt. "Khanabad ist an die Taliban gefallen und noch ein Nachbardistrikt in Kunduz", sagt Enayat schließlich. Die beiden anderen schnalzen betroffen. Dann lädt das Video dazu. Die drei sehen, wie ihre Landsleute im Norden schreiend fliehen, hören deren Berichte von der Flucht aus der Kampfzone. Panik kommt auf.

In den vergangenen Wochen haben Islamisten auch den Bezirk Taywara in der Provinz Ghor gestürmt, den Grenzbezirk Kohistan in der Provinz Faryab übernommen und in weiteren acht Bezirken Regierungskräfte angegriffen. Gekämpft wird auch im nordöstlichen Badachschan, im südlichen Helmand und im östlichen Nangarhar. Ein Gebiet nach dem anderen fällt an die Taliban. Bereits drei Millionen Menschen leben unter ihrer Herrschaft. Laut Zahlen des US-Generalinspektors für Afghanistan kontrolliert die afghanische Regierung mittlerweile nur noch 59,7 Prozent der Bezirke des Landes.

Student Enayat versucht sich nach dem Schock an seiner Hausaufgabe, er soll die persische Übersetzung von Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung lesen. Doch seine Gedanken schweifen ab. Sollten die Taliban die Distrikte in Kundus halten, wäre ihm der Weg in seinen Heimatbezirk im nordöstlichen Badachschan versperrt. Dort leben aber Frau und Kind. Schon im März musste Enayat Taliban-kontrolliertes Gebiet durchqueren. Zwei schwer bewaffnete Islamisten hielten das Auto seiner Mitfahrgelegenheit an. Erst kontrollierten sie, ob die fünf Studenten für die Regierung arbeiteten, dann zwängten sie sich mit ins Auto. Einer der Taliban saß mit Granaten und Kalaschnikow bestückt mehr als zwei Stunden auf Enayats Schoss, dann ließ er sich vor einem Waldstück absetzen. "Meine Beine fielen fast ab, aber ich traute mich vor Angst nicht mal zu atmen", erinnert er sich.

Strategischer Fokus auf ländliche Gebiete

Die Gebietsgewinne der Taliban erstrecken vor allem über ländliche Regionen. In den vergangenen zwei Jahren versuchten sich die Aufständischen aber auch an Städten und Distriktzentren. Diese sind zwar schwieriger einzunehmen und teurer zu halten, das Ziel der Machtdemonstration ist aber auch mit einer vorübergehenden Eroberung erreicht. Der größte Coup gelang ihnen mit der knapp zweiwöchigen Eroberung der nördlichen Stadt Kundus im September 2015. Auch andernorts dauerte es Tage, bis afghanische Sicherheitskräfte die attackierten Städte zurückeroberten.

Viele Experten meinen, dass sich die Islamisten aus taktischen Gründen auf ländliche Gebiete fokussieren. Schließlich könnten die Taliban inzwischen eine Reihe von Distriktzentren kontrollieren, vor allem die bereits umzingelten. Den Taliban gelingen außerdem in immer kürzeren Abständen Anschläge in Großstädten wie Kabul oder Herat, mit mehreren Hunderten Toten und Verletzten.

Wie konnte es ungeachtet des jahrelangen Einsatzes der internationalen Truppen und der afghanischen Sicherheitskräfte so weit kommen?

Der erste Name, der bei derartigen Überlegungen unter Afghanistan-Beobachtern fällt, ist Barack Obama. Er hatte dem damaligen US-General Stanley McChrystal 2009 eine massive Truppenaufstockung gewährt. McChrystal hatte Obama vor einem Misserfolg gewarnt, sollte die Truppengröße weniger als 97.000 US-Soldaten betragen. Heute kritisieren viele die Aufstockungsstrategie. Sie konnte die Taliban nicht zerschlagen, in der Folge eskalierten beide Seiten den Krieg. Die damals auf Seiten der Taliban vorhandenen Tendenzen für Friedensgespräche wurden abgewürgt.

Nach internationalem Abzug verschlechterte sich die Lage

Ein weiterer Vorwurf lautet, die Truppenaufstockung sei zu kurz gewesen. Obama hätte nie einen Abzugstermin der Truppen festsetzen und veröffentlichen sollen. Er habe die Realitäten auf dem Boden, den anhaltenden Kampf und die fehlenden Kapazitäten der afghanischen Militärs und Polizisten ignoriert. Ende 2014 waren die Nato-Kampftruppen aus dem Land. Es blieben lediglich 13.500 internationale Soldaten. Sie bilden seither die afghanischen Sicherheitskräfte aus und beraten sie im Hintergrund.

Die Polizistin Bibi Firuza schüttelt den Kopf: "Amerikaner oder Briten habe ich schon lange nicht mehr gesehen." Firuza ist Kommandantin einer lokalen Polizeieinheit der Provinz Helmand und für wenige Tage beruflich in Kabul. Üblicherweise bewacht sie mit drei Männern einen Außenposten in der von Taliban umzingelten Provinzhauptstadt Laschkar Gah. Von einem normalen Tagesablauf, sagt Bibi Firuza mit gehobener Stimme, könne keine Rede mehr sein: "Wir riechen jeden Tag nur Schießpulver." Die Erde, auf der sie ihren Dienst verrichte, sei mit Blut getränkt. Es sei praktisch unmöglich, den Posten zu verlassen. Sie könne nicht einmal sagen, ob der Basar der Stadt geöffnet ist.

Helmand sei nie ein einfaches Pflaster gewesen, sagt Bibi Firuza. Doch mit Beginn der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen verschlechterte sich die Lage wie auch in anderen Provinzen. Die Aufständischen fürchteten nicht mehr die ständige Überwachung und Bombardierung durch die internationalen Truppen. Gab es 2012 noch 28.700 Einsätze der US-Luftwaffe, waren es 2015 nur noch ein Fünftel, nämlich 5.700. Davon unterstützte ein wesentlicher Teil nicht mal die afghanischen Truppen, sondern widmete sich der Zerstörung eines Al-Kaida-Trainingszentrums im Osten. Kaum waren die Flieger weg, stürmten Taliban in Hundertschaften Checkpoints und Dörfer, bis die Amerikaner im Juni 2016 beschlossen, wieder vermehrt anzugreifen.

Die afghanischen Luftstreitkräfte selbst konnten kaum entscheidend eingreifen. Im vergangenen Jahr kamen zwar 26 Kampfflugzeuge hinzu, die Kapazitäten reichen aber kaum für Bombardierungen, Truppentransporte oder Aufklärungsmissionen. Der erste erfolgreiche Fallschirmabwurf von vier Nachschubpaketen an eine kleine Basis der Grenzpolizei war den US-Ausbildern sogar eine Pressemeldung wert. Der vollständige Aufbau der afghanischen Luftstreitkräfte könnte laut US-General John Nicholson noch Jahre dauern. Das veranlasste Erik Prince, Gründer des amerikanischen Militärunternehmens Blackwater (heute Academi), sogar dazu, Kabul ein Angebot für eine private Luftstreitkraft zu machen.