Auch "Bibi" Netanjahu weiß, wo man als rechter Politiker heute die Schuldigen ausmacht: "Die Linken und die Medien, die dasselbe sind, machen mit bei einer obsessiven, noch nie da gewesenen Hetzjagd gegen meine Familie mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen." Israels Premier steht unter Korruptionsverdacht – was ihn aber nicht weiter zu bekümmern scheint, denn er gibt sich stets siegessicher. Auch an diesem Mittwochabend auf der Pro-Netanjahu-Demo in Tel Aviv, wo seine Anhänger Plakate zeigen, auf denen steht: "Es wird nichts geben, weil es nichts gibt." 

Es ist genau der Satz, mit dem Benjamin Netanjahu seit Monaten gebetsmühlenartig seine Unschuld beteuert. Rund 3.000 Anhänger waren an diesem Abend gekommen, dazu Knessetabgeordnete seiner Partei Likud und zahlreiche Medienvertreter.

Die Korruptionsaffäre ist das Topthema dieses Sommers in Israel, auch wenn ein Gericht eine Nachrichtensperre bis zum 17. September verhängt hat, um die Ermittlungen nicht zu beeinflussen. Neue Erkenntnisse mögen daher gerade ausbleiben, die Kommentare, Analysen und Reaktionen aber gehen weiter und drehen sich um eine Frage: Wird, soll oder muss Premierminister Netanjahu zurücktreten? Schon jetzt oder erst im Falle einer Anklage?

Zum ersten Mal scheint es jetzt, dass die Situation für Netanjahu, der bereits seit 2009 Premier Israels ist, wirklich eng wird, denn vergangenen Freitag ist sein früherer Stabschef Ari Harow einen Kronzeugendeal eingegangen. Harow wird in den beiden Fällen aussagen, in denen gegen Netanjahu ermittelt wird, und bekommt im Gegenzug eine Strafmilderung. Schließlich wird gegen Harow selbst seit Mitte 2015 wegen des Verdachts ermittelt, er habe seine Verbindung zu Netanjahu genutzt, um private Geschäfte voranzutreiben.  

Zigarren und Champagner

Harow war ein enger Vertrauter Netanjahus, kannte dessen Termine und Reisepläne. So waren es auch Dateien auf Harows Computer, die zur Untersuchung im sogenannten Fall 2.000 geführt haben: Der Premier soll mit Arnon "Noni" Mozes, dem Herausgeber der großen, Netanjahu-kritischen Tageszeitung Jedi'ot Achronot verhandelt haben: Wenn das Blatt zukünftig Netanjahu-freundlicher berichte, würde der Premier die kostenlose Konkurrenzzeitung Israel Hayom im Zaum halten. Entsprechende Audiodateien der Gespräche aus der Zeit zwischen Ende 2014 und Anfang 2015 hatten die Ermittler laut Medienberichten auf Harows Computer entdeckt.

Im anderen Fall, dem sogenannten Fall 1.000, sollen der Premier und seine Ehefrau Sara Luxusgeschenke angenommen haben, von reichen Gönnern wie dem Hollywoodproduzenten Arnon Milchan. Der, so berichten Medien, soll dem Ehepaar Zigarren und Champagner im Wert von Zehntausenden Euro geschenkt haben.

In beiden Fällen dauern die Ermittlungen schon seit Monaten an. Doch erst vergangene Woche benannten die Ermittler Netanjahu offiziell als Verdächtigen. Israelische Medien berichteten, ein entsprechendes Dokument der Polizei vorliegen zu haben, in dem es heißt, Netanjahu werde des Betrugs, der Untreue und der Bestechlichkeit verdächtigt.

Obendrein macht eine dritte Geschichte Netanjahu zu schaffen, auch wenn darin bisher nicht gegen ihn persönlich ermittelt wird: Im Fall 3.000 geht es um den geplanten Kauf von U-Booten der deutschen Firma ThyssenKrupp Marine Systems, bei dem Schmiergelder geflossen sein sollen. Und auch hier gibt es mittlerweile einen Kronzeugen, Michael Ganor, der ehemalige Vertreter von ThyssenKrupp in Israel, der den Deal zwischen der israelischen Regierung und dem deutschen U-Boot-Bauer in die Wege geleitet haben soll.