Versprochen ist versprochen. Wenngleich ausgerechnet an diesem Morgen dunkle Regenwolken über dem Schloss hängen und der stürmische Wind nicht unbedingt dazu einlädt, durch die Gärten von Versailles zu schlendern wie einst Könige und Prinzessinnen, stapft Jean-Michel Blanquer tapfer einer Schülergruppe hinterher. Mit wehender Krawatte und fliegenden Rockschößen, man ahnt schon von Weitem, dass er sich in sein Büro zurückwünscht. Aber die jungen Leute sind, wenn man so will, seine wichtigste Zielgruppe. Deshalb ist er hier. "Wisst ihr denn auch, wer diese Gärten angelegt hat?", fragt er streng. Und als er nur in stumme, ein wenig erschrockene Gesichter blickt, liefert er die Antwort selbst. "Das war André le Nôtre. Das zu wissen, ist wichtig," schärft er den Jugendlichen ein.

Blanquer ist Bildungsminister im Auftrag des französischen Präsidenten. Bereits im Wahlkampf, als dessen Sieg noch so weit entfernt schien wie Sommerferien am Meer für die Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien, die Blanquer nun begleitet, hatte Emmanuel Macron den Kampf gegen die schlechten Bildungschancen sozial benachteiligter Franzosen angekündigt. Deshalb gewährt der Staat an diesem Tag insgesamt 2.500 von ihnen einen kostenlosen Besuch in einem seiner wichtigsten Museen, dem Château de Versailles. Und zu Beginn des neuen Schuljahres im September soll Blanquer die Misere mit einer Bildungsreform in Angriff nehmen.

"Heute verlassen 20 Prozent die Grundschule, ohne korrekt lesen, schreiben und rechnen zu können," sagt der Minister und klingt dabei, als könne er es selbst nicht fassen. Es ist ja auch frappierend: In der zweitgrößten Wirtschaftsnation Europas strömen mehr als zwölf Millionen Kinder und Jugendliche morgens durch Schulportale, über denen groß und unübersehbar das Verfassungsmotto "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" steht. Betreuungseinrichtungen für die Kleinsten und Ganztagsschulen sollen vom jüngsten Alter an bis zum Abitur nicht nur Wissen vermitteln, sondern aus der Masse von Einzelpersonen eine Nation formen, die den Gleichheitsanspruch unabhängig von sozialer Herkunft wahrt. In keinen anderen Bereich investiert der französische Staat so viel Geld. 2017 sind es 67,65 Milliarden Euro, Universitäten nicht mit einberechnet.

Doch die Realität des Bildungssystems wird den hehren Zielen immer weniger gerecht. Nirgendwo sonst in der Gemeinschaft der Industriestaaten der OECD hängt der Bildungserfolg so sehr von dem Milieu ab, in dem die Schüler aufwachsen. Pisa-Studien und nationale Untersuchungen bestätigen das. Seit vielen Jahren.

Einer von zehn jungen Leuten versteht Geschriebenes kaum

Die Schwächen der jüngsten 20 Prozent – das sind immerhin 750.000 Schüler – setzen sich später fort: Einer von zehn jungen Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren hat erhebliche Schwierigkeiten, den Sinn eines geschriebenen Textes zu erfassen. Noch einmal so viele schaffen es nur mit einiger Mühe. Fünf Prozent fehlt der nötige Wortschatz, um sich korrekt auszudrücken. Bei den Naturwissenschaften sind die 15-Jährigen gerade einmal Mittelmaß. Und wer in armen Verhältnissen aufwächst, hat nur eine kleine, zweiprozentige Chance, in der Schule zu den Klassenbesten zu gehören.

Blanquers Aufgabe ist deshalb nicht nur ein moralisches Gebot. Sie ist auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, denn das Bildungssystem soll junge Menschen ja auf einen Arbeitsmarkt vorbereiten, auf dem zunehmend komplexe Fähigkeiten verlangt werden. Ohne Bildungsreform wird die anstehende Arbeitsmarktreform nur soziale Einschnitte liefern, nicht aber die seit Jahren grassierende Erwerbslosigkeit vor allem bei Jugendlichen bekämpfen. 

Und schließlich ist Bildung in dem von Terroranschlägen geplagten und von populistischen Politikern wie der rechtsnationalen Marine Le Pen aufgewiegelten Land inzwischen längst eine Frage der Sicherheit und des Zusammenhalts der Gesellschaft. "Wer jemanden bei der Aneignung von Lesefähigkeiten am Wegrand zurücklässt, unfähig zu begreifen, der macht ihn anfällig für den Diskurs von Extremisten," warnt der Sprachwissenschaftler Alain Bentolila. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit den Ursachen des Analphabetismus in Frankreich. Unlängst hat er ein Buch mit dem schonungslosen Titel Comment sommes-nous devenus si cons? geschrieben. Auf Deutsch: "Wie konnten wir so verblöden?"

Ein Schlossbesitzer lädt zu Leseferien ein

Vincent Safrat hat eine Antwort darauf. Und eine Lösung für zumindest eine der Ursachen gefunden. Der Schauplatz ist erneut ein Schloss, wenngleich sehr viel kleiner und weniger vornehm als das des Sonnenkönigs in Versailles. Das Château de Buno in Gironville-sur-Essonne im Südosten von Paris liegt verborgen in einem Naturschutzpark. In dem verwilderten Garten haben ein paar Jugendliche ihre Zelte aufgeschlagen. Auch sie haben kein Geld für eine teure Ferienreise. Auf dem Programm stehen Fahrradausflüge mit den Betreuern – und Lesen. Auswahl gibt es genug. Safrat verlegt die Bücher sogar selbst und verkauft sie dann für 80 Cent pro Exemplar.

"Ein Kinderbuch zum regulären Preis von sieben oder acht Euro ist für einkommensschwache Familien viel zu teuer. Viele müssen schon beim Essen sparen," erzählt der schmale Schlossbesitzer mit dem ergrauten Lockenkopf. Bücher in Bibliotheken auszuleihen, trauten sie sich oft ebenfalls nicht, weil sie die Bände bei Beschädigungen ersetzen müssten. "Das kann in einem kinderreichen Haushalt leicht passieren."

Also fing Safrat vor Jahren irgendwann an, Verlage nach Exemplaren abzutelefonieren, die sich nicht verkauften und deshalb geschreddert werden sollten. Damit fuhr er übers Land, in seinem Lieferwagen, der bis unters Dach vollgestopft war, klingelte an den Haustüren der ärmeren Viertel und bot die Bücher als Geschenk an. "Es war gar nicht so einfach, das Vertrauen der Leute zu gewinnen," erinnert er sich schmunzelnd. "Die hielten mich zu Beginn für einen Vertreter oder einen Anhänger der Zeugen Jehovas, der sie ködern wollte!"

Safrat aber wollte mit ihnen nur eine Begeisterung teilen, die er selbst auch erst spät entwickelt hatte. "Bücher haben mich als Jugendlicher nicht interessiert, die Schule auch nicht. Ich bin mit 18 ohne Abschluss abgegangen." Wie jedes Jahr gut 150.000 Schüler in Frankreich. Deshalb kann er so gut nachvollziehen, wenn nun junge Leute zu ihm kommen, orientierungslos, mit null Bock auf Unterricht, der sie womöglich doch nur in die Arbeitslosigkeit entlässt oder in eine Ausbildung für einen Handwerksberuf, der in Frankreich schlecht angesehen und als Notlösung für die Versager reserviert ist.

"Lesen bedeutet Aufbruch"

Dann erzählt der inzwischen 56-Jährige ihnen seine Geschichte, wie er eines Tages eher zufällig zu Gustave Flauberts Die Schule der Empfindsamkeit griff und es ihn "traf wie ein Blitzschlag". "Ich habe gemerkt, dass Lesen das Studium ersetzen kann." Die Idee für Lire c’est partir war geboren. "Lesen bedeutet Aufbruch" heißt der Name von Safrats sozialem Projekt übersetzt.

Weil die großen Verlage ihre Bücher nicht immer verschenken wollten, setzte sich der Autodidakt schließlich hin und stellte eine kühne Rechnung auf: "60 Prozent des Buchpreises entfallen auf den Vertrieb. Wenn ich den selbst erledige, kann ich sie billiger anbieten." Die im Verlagswesen übliche Marge von 15 Prozent strich er auch gleich zusammen. Weil er die Masse seiner Taschenbücher – voriges Jahr verkaufte er 2,5 Millionen – bei einer einzigen Druckerei in Auftrag gibt, reduzieren sich die Kosten dafür auf 30 Cent pro Exemplar. Lire c’est partir wirft inzwischen genügend Geld ab, um zwölf Angestellte zu bezahlen. Sie und einige Freiwillige organisieren im ganzen Land Bücherbasare. Und weil der Gründer selbst nicht viel zum Leben braucht und das etwas heruntergekommene Schloss Buno günstig zum Verkauf stand, griff er zu. Seither sind hier nicht nur die Verwaltung und das zentrale Buchlager untergebracht. Das Château steht auch allen offen, die ein günstiges Feriendomizil im Grünen suchen. Lektüre inbegriffen.

Es sind Klassiker darunter wie Molières Der Arzt wider Willen, Jules Vernes Reise um die Welt in 80 Tagen oder Don Quichotte von Miguel Cervantes, für die Safrat keine Rechte bezahlen muss. Moderne Autoren schreiben für ihn Geschichten, die häufig dem Alltag der Leser nachempfunden sind. So wie in Michael mag nicht in die Schule gehen, über einen Zwölfjährigen, der nach der Trennung der Eltern nur noch schlechte Noten schreibt, dafür von der Lehrerin bloßgestellt und von den Klassenkameraden gehänselt wird, oder in Der einzige Zeuge, über einen Jungen, der ein Gewaltverbrechen beobachtet, aber vor der Gerichtsverhandlung gegen den Täter von älteren Schülern bedroht wird.

Die Geschichten gehen gut aus. Safrat und seine Autoren wollen ein Zeichen setzen, dass auch die Schwachen stark sein können, wenn sie gemeinsam gegen Ungerechtigkeiten aufbegehren. Gewaltfrei, versteht sich.

Bildungsminister Blanquer räumt ohne Zögern ein, dass die Schule vielen Kindern und Jugendlichen Angst macht. "Davon hört man oft." Notendruck, Auswahlverfahren, Mobbing durch Mitschüler und Lehrer, denen eine pädagogische Ausbildung fehlt, setzen manchmal eine fatale Spirale in Gang.

Der Minister verspricht mehr Musik und Kultur im Unterricht

"Wir wollen ein Schulsystem, das auf Vertrauen basiert," verspricht der Minister in Versailles. "Die erfolgreichsten Gesellschaften sind heute die, in denen das Schulsystem funktioniert. In denen die Gesellschaft diesem System Vertrauen entgegenbringt." Deshalb wolle er mehr kulturelle Aktivitäten in den Unterricht einbringen, Musik vor allem, Gesang. "Musik schafft sofort eine andere Atmosphäre, eine Atmosphäre des Vertrauens."

Er selbst wäre vermutlich nicht spontan auf die Idee gekommen. Seit mehr als 20 Jahren ist er auf hohen Verwaltungsposten im Schulwesen tätig. Da weiß er zu gut, dass alles Verspielte oder nach individuellen Bedürfnissen Gestaltete bei den meisten französischen Lehrern – und auch Eltern – sofort das Misstrauen hervorruft, die Kinder würden in der Schule verzärtelt und es hinfort an Disziplin mangeln lassen. Deshalb wird Blanquer fast philosophisch, um seine Gegner zu überzeugen: "Der wahre Feind des staatlichen Schulwesens ist die Gleichmacherei. Sein Freund ist die Freiheit. Wenn die Freiheit richtig begriffen wird, favorisiert sie die Gleichheit."

Der Sohn der Kultusministerin litt

Außerdem hat er mit Françoise Nyssen neuerdings eine Ministerkollegin im Kulturressort an seiner Seite, die ihm ein wenig souffliert. Vor zwei Jahren gründeten die den Lehren von Rudolf Steiner und Maria Montessori zugewandte Nyssen und ihr Mann Jean-Paul Capitani eine Privatschule auf einem Landgut im südfranzösischen Arles. Es war ihre Art, mit dem Selbstmord des jüngsten Sohns Antoine vor fünf Jahren umzugehen. Der Junge litt an einer Entwicklungsstörung. "Antoine war ein Ausgestoßener, im staatlichen Bildungssystem war kein Platz für ihn," sagt die Ministerin. In ihrer Domaine du Possible (deutsch: "Gut des Möglichen") singen die 140 Schüler nun jeden Vormittag um zehn Uhr für 20 Minuten.

Eine der wichtigsten Änderungen, die Blanquer auf Geheiß seines Staatschefs Macron umsetzen soll, betrifft die Vorschüler und Erstklässler in 2.500 Klassen in Vierteln mit dem so euphemistischen wie nahezu unübersetzbaren Titel réseau d’éducation prioritaire renforcé, abgekürzt REP+. In diesem "verstärkt prioritären Bildungsnetz" befinden sich die sozialen Brennpunkte des Landes, wo vor allem Kinder aus einkommensschwachen Familien und solche mit Migrationshintergrund die Schulbank drücken. Wo der aktive Wortschatz der Fünf- und Sechsjährigen oft nur 220 Wörter beträgt statt 1.300 andernorts.

Wissenschaftler wie Alain Bentolila finden deshalb die Idee gut, in dieser Altersstufe die Klassen zu teilen, damit die Lehrer nur noch vor zwölf statt wie bisher vor 24 Schülern stehen. Doch sie haben schon zu viele Bildungsreformen erlebt, um euphorisch zu reagieren. Fast jeder Regierungswechsel bringt eine mit sich, weil die Neuen an den Schalthebeln einen ideologischen Fußabdruck hinterlassen wollen. Blanquers Vorgängerin verfügte zum Beispiel, dass selbst die schlechtesten Schüler in die nächsthöhere Jahrgangsstufe wechseln durften, weil Sitzenbleiben sie stigmatisiere. Die in der Tat immens langen Schultage wurden verkürzt, aber am zuvor freien Mittwoch unterrichtet. Klassen, in denen intensiv Deutsch gelehrt wurde, schaffte sie als zu elitär ab. Schließlich war bekannt, dass diese schwere Fremdsprache vor allem Schüler aus gut situierten Elternhäusern wählten, wo man Wert auf Bildung legte.

Soziale Vielfalt? Nicht an Schulen

Blanquer macht das nun alles rückgängig. Doch das Grundproblem des Bildungsgefälles, die fehlende soziale Vielfalt in den Klassen, macht das nicht wett. "Die strenge geografische Trennung in Frankreich mit Vierteln für Reiche und solchen für Arme spiegelt sich an den Schulen wider, vor allem in Paris und den großen Städten," kritisiert der Ökonom Arnaud Riegert von der Paris School of Economics. "Wenn man die Probleme an einem Ort konzentriert, erschwert das den Werdegang der betroffenen Schüler."

Da die älteren Lehrer sich die Schulen aussuchen können, unterrichten in den Problemvierteln meist junge, unerfahrene Kräfte. Ohne Ausbildung in Pädagogik, regt sich die Erziehungswissenschaftlerin Laurence de Cock auf. "In unserem System ist es möglich, Lehrer zu werden, ohne jemals einem einzigen Schüler begegnet zu sein. Die jungen Lehrkräfte und Referendare stehen drei Monate nach Abschluss vor einer Klasse, ohne sich jemals Gedanken über Pädagogik gemacht zu haben. Das ist, als verlange man von einem Schreiner, ein Möbelstück herzustellen, obwohl er nie zuvor ein Stück Holz berührt hat." Cock schüttelt unwillig den Kopf. "Das macht mich krank, auf dem Gebiet sind wir wirklich die größten Nieten."

Es wartet also eine Menge Arbeit auf Blanquer (und vermutlich Generationen von Nachfolgern). Nicht umsonst heißt es in Frankreich, ein Bildungsminister habe die Aufgabe, ein Mammut zu zähmen.