Die Brexit-Befürworter zählen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, bis Großbritannien Ende März 2019 endlich die EU verlässt. Laut britischem Telegraph sind es noch ein Jahr und 232 Tage. Auf der Website der konservativen Zeitung, die sich für einen Austritt stark macht, ticken die Sekunden der digitalen Brexit-Uhr.

Fraglich ist nur, was für ein Brexit kommt, wenn die Zeit abgelaufen ist. Das ist heute so unklar, wie vor einem Jahr. Die Bevölkerung, die im Juni 2016 für einen EU-Austritt gestimmt hatte, ist nach den jüngsten Umfragen immer noch gespalten: 45 Prozent sind für einen Verbleib und 45 Prozent für einen Austritt – der Rest unentschlossen. Allerdings kritisiert mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Regierung die Brexit-Verhandlungen bisher schlecht geführt hat. Der kaltschnäuzige Firmenboss und Star der Fernseh-Realityshow The Apprentice Alan Sugar frotzelte dieser Tage sogar, er hätte Theresa May längst gefeuert.

Aber genau das geschieht nicht, auch wenn die Medien der Premierministerin täglich blamable Führungsschwäche attestieren. Theresa May sitzt fest im Sattel. Ein Grund: Die konservativen brexiteers haben die Regierung gekapert und bis zur nächsten Wahl 2022 wird sich daran kaum etwas ändern. Gleichzeitig hat aber keiner von ihnen – weder Brexit-Minister David Davies noch Außenminister Boris Johnson – Interesse an dem Schleudersitz, auf dem May gerade sitzt. Keiner will die Verantwortung übernehmen, sollte Großbritannien mit einem schlechten Deal aus den Verhandlungen mit Brüssel gehen.

Hammond sorgt für Pragmatismus

Gleichzeitig steigt der Druck auf Theresa May, bis zur nächsten Runde der Verhandlungen in Brüssel Ende August endlich eine schlüssige, pragmatische Position zu präsentieren. Ihr Mantra – raus aus dem Binnenmarkt, raus aus der Zollunion, keine Übergangslösung, sofortiges Ende der Freizügigkeit für EU-Bürger, keine Anerkennung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) – ist vielen mittlerweile zu doktrinär. Vor allem, weil May nie erklärt hat, welche Alternativen sie anbieten kann.

Mitte August will die britische Regierung erste Positionspapiere zur Zollunion und zur nordirischen Grenze vorlegen. Insgesamt sind zwölf solcher Papiere zu verschiedenen Punkten der Brexit-Gespräche geplant. Sie sollen belegen: Die britische Regierung ist Herr der Lage, die britische Regierung weiß, was sie tut. Ein paar Dinge sind schon durchgesickert: So will London maximal 40 Milliarden Euro Abschlagzahlung an die EU leisten – die Hälfte von dem, was Brüssel als notwendig erachtet. Aber immerhin: Noch vor Monaten wollte London gar nichts bezahlen.

Es ist vor allem Schatzkanzler Philip Hammond, der für mehr Pragmatismus in der Debatte um den EU-Ausstieg sorgt. Er plädierte jüngst für eine Übergangslösung von zwei bis drei Jahren. Während dieser Zeit wäre Großbritannien weiterhin Mitglied des Binnenmarktes und der Zollunion. Hammond hat vor allem die Interessen der britischen Wirtschaft im Blick. Für sie wäre ein Ausstieg ohne klare Regeln, wie der Handel zwischen Großbritannien und der EU künftig laufen soll, besonders schmerzhaft. Dafür würde Hammond sogar Zugeständnisse beim umstrittenen Thema Zuwanderung machen. Theresa May bleibt hier jedoch hart. Die Freizügigkeit soll im März 2019 enden – komme was wolle.