Chinas Zentralregierung macht es sich leicht mit der Informationssicherheit und dem Datenschutz: Im Zweifelsfall werden die Firmen oder die Nutzer zur Verantwortung gezogen – niemals jedoch staatliche Stellen. Gerade erst leitete die nationale Digitalbehörde auf Grundlage des seit Juni geltenden Cybergesetzes eine Untersuchung gegen Chinas drei führende IT-Unternehmen ein. Sie hätten "illegale Informationen" nicht ausreichend kontrolliert. Das kann alles mögliche sein: Pornographie oder Gewalt, genauso aber flexibel interpretierbare Tatbestände wie "Gerüchte" und "die nationale Sicherheit oder die soziale Ordnung gefährdende" Handlungen.

Ein besonders großes Problem ist mit der rasant gewachsenen Nutzung von Online-Diensten – 731 Millionen Internetnutzer gibt es in China  – der Schutz von personenbezogenen Daten geworden. Oft sind dabei lokale Regierungsbehörden Teil des Problems. Der aufsehenerregende Fall einer Studentin aus der östlichen Provinz Shandong schaffte es im vergangenen September auch in die chinesischen Medien: Sie verlor ihr gesamtes, für das Studium vorgesehene Geld an eine Hackerbande. Als Köder dienten den Kriminellen die persönlichen Daten der Studentin, die sie sich – mit 600.000 weiteren Datensätzen – aus der offensichtlich nicht gut geschützten Datenbank des lokalen Bildungsbüros gezogen hatten.

Nun behauptet die chinesische Regierung gerne, dass sich chinesische Netizens einfach nicht so sehr um den Schutz ihrer Privatsphäre kümmerten. Auch von ausländischen Unternehmen und Wissenschaftlern wird das häufig verbreitet. Tatsächlich bezahlt ein großer Teil insbesondere der jüngeren Chinesen nahezu alles per Smartphone, das via entsprechender App mit Bankkonten oder Kreditkarten verbunden ist. Dass die äußerst beliebten Taxidienste wie Didi Chuxing permanent eine Freigabe der geographischen Daten verlangen, scheint für die Nutzer kein Problem zu sein. Bequemlichkeit geht vor Bedenken.

Nach einer Umfrage der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2014 fand nur die Hälfte aller befragten Nutzer in China, dass man beim Teilen von persönlichen Daten vorsichtig sein müsse – 26 Prozentpunkte weniger als der Durchschnitt der Befragten aus weiteren zehn Ländern. Auch beim konkreten Umgang mit Daten zeigten sich die befragten Chinesen unbekümmerter: 63 Prozent stimmten zu, dass ihre Kreditkarteninformationen "relativ bis sehr privat" seien. In den USA waren es 87 Prozent, in Deutschland gar 93 Prozent.

Applenutzer beginnen sich zu schützen

Chinas Internetnutzer haben in der Tat ein gespaltenes Verhältnis zum Datenschutz: In digitalen Hetzkampagnen, sogenannten human flesh searches, beteiligen sich Tausende innerhalb von Stunden daran, persönliche Daten von Leuten herauszufinden und online zu stellen. Die Opfer sind oft korrupte Kader, fremdgehende Stars oder angeblich unpatriotische Bürger, die in einer Art von Volksjustiz bestraft werden sollen. Nach der Veröffentlichung von Fotos, der Telefonnummer und der Adresse des Opfers folgen manchmal sogar Drohungen und Vergeltungsakte vor Ort. 

Besonderes Aufsehen machte der Fall einer chinesischen Studentin, die in ihrer Abschlussrede an der Universität Maryland die frische Luft und die Freiheit in den USA gelobt hatte. Nach einer harten Hetzkampagne, bei der auch Informationen über den Wohnort ihrer Eltern in China veröffentlicht wurden, entschuldigte sich die Studentin am Ende für ihr angeblich "unpatriotisches Verhalten".

Geht es um den Schutz ihrer eigenen Informationen, zeigen sich Chinas Netizens inzwischen aber besorgter. Der jüngste Datenleak im Juni dieses Jahres betraf Applenutzer, die mehrheitlich zur Mittelschicht gehören. Eine kriminelle Bande hatte personenbezogene Datensätze im Wert von 7,36 Millionen US-Dollar von einem Verkaufsrepräsentanten des Unternehmens Apple entwendet. In sozialen Medien wie den bekannten Plattformen Zhihu oder Tianya warnen User seit Anfang des Jahres regelmäßig vor zu leichtsinniger Datenweitergabe oder geben Tipps, wie man sich besser schützen könne.

Fälle von gehackten Bankdaten erregen dabei besondere Aufmerksamkeit: Spendenaufrufe nach Naturkatastrophen oder für Operationen von kranken Kindern nutzen Datenjäger offensichtlich besonders gerne als Köder.