Nach einer Anhörung vor Gericht in Madrid ist der Schriftsteller Doğan Akhanlı wieder auf freiem Fuß, teilte sein Anwalt Ilias Uyar auf Facebook mit. Er muss allerdings zunächst in Madrid bleiben. "Er ist erschöpft", sagte sein Anwalt Uyarnun nach der Anhörung. Die Türkei habe jetzt 40 Tage Zeit, einen Auslieferungsantrag in Spanien zu stellen und zu begründen. Dann werde es in Spanien ein Auslieferungsverfahren mit einer weiteren Anhörung geben.

Akhanlı, der deutscher Staatsbürger ist, war am Samstag im Urlaub im spanischen Granada festgenommen worden. Der Festnahmeantrag war aus der Türkei gekommen. Das Land hatte über Interpol die Auslieferung des Autors aus Köln gefordert. Mit einem sogenannten Red Notice-Ersuchen kann ein Staat die vorläufige Inhaftierung eines Gesuchten beantragen, um dessen Auslieferung zu veranlassen.

Offiziell ginge es beim Ersuchen der Türkei um einen alten Vorwurf, dass sein Mandat 1989 an einem Raubmord auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt gewesen sei, sagte Uyar. Er sieht aber eine politische Motivation. Es sei kein Zufall, dass das Festnahmeersuchen gerade zu diesem Zeitpunkt gekommen sei. Als junger Mannwar sein Mandant nach dem türkischen Militärputsch 1980 in den Untergrund gegangen. Er wurde als Mitglied der kommunistischen TDKP gesucht und 1984 verhaftet. Von 1985 bis 1987 war er in Istanbul in einem Militärgefängnis inhaftiert. In dieser Zeit sei er auch gefoltert worden, berichtete Akhanlı später. Im Jahr 1991 setzte er sich nach Deutschland ab, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wurde und später die deutsche Staatsbürgerschaft annahm.

2010 wurde der Schriftsteller in Istanbul am Flughafen schon einmal festgenommen, als er in die Türkei einreisen wollte, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Er war damals in Untersuchungshaft und wurde dann freigelassen und kehrte nach Deutschland zurück. 2011 wurde er in Abwesenheit von einem Gericht in der Türkei vom Vorwurf des Raubes und Totschlags freigesprochen. Der Freispruch wurde aber 2013 wieder aufgehoben.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hat die Freilassung begrüßt. "Es wäre schlimm, wenn die Türkei auch am anderen Ende Europas erreichen könnte, dass Menschen, die ihre Stimme gegen Präsident Erdoğan erheben, in Haft geraten würden", sagte Gabriel. "Ich habe vollstes Vertrauen in die spanische Justiz und weiß, dass unsere Freunde und Partner in der spanischen Regierung wissen, um was es geht", sagte Gabriel. Er hatte am Samstagabend mit seinem spanischen Amtskollegen telefoniert und den Wunsch geäußert, dass Akhanlı nicht an die Türkei überstellt und Deutschland in das Verfahren einbezogen werde. Aus dem Auswärtigen Amt war zu hören, der Geschäftsträger der Botschaft in Madrid habe an der Anhörung Akhanlis vor der Audiencia Nacional teilgenommen.

Kritik am Vorgehen der Türkei

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nannte es einen Skandal, dass in der Türkei willkürlich Menschenrechtsaktivisten und Journalisten verhaftet würden. Wenn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan "dies nun auch außerhalb des Territoriums der Türkei versucht, müssen wir uns als Europäer dem entschlossen entgegenstellen".

Doğan Akhanlı - Schulz sieht Festnahme Akhanlıs als Teil einer Säuberungswelle Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz fordert Schutz für Doğan Akhanlı. Der deutsche Schriftsteller war in Spanien festgenommen worden, nachdem türkische Behörden einen Festnahmeantrag gestellt hatten. © Foto: Reuters TV

Der Grünen-Chef Cem Özdemir forderte die Europäische Union auf, die polizeiliche Zusammenarbeit mit der Türkei neu zu bewerten. "Gegner des türkischen Regimes dürfen in Europa künftig nicht ungeprüft als Kriminelle verhaftet werden", sagte er dem Tagesspiegel.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte zudem eine Reform der internationalen Polizeiorganisation Interpol. Sie werde regelmäßig von autoritären Regimes genutzt, "um missliebige Kritiker im Ausland verhaften und mundtot machen zu lassen", sagte GfbV-Direktor Ulrich Delius. Das gelte insbesondere für das System der Red Notice. Sie wird von einem Mitgliedsland zentral an Interpol geleitet und ohne weitere Überprüfung von dort an die Polizeibehörden der 190 Mitgliedstaaten verteilt. Ohne eine Reform dieses Systems mache sich Interpol "zum Büttel der Feinde des Rechts", sagte der Menschenrechtler.

Preisgekrönter Autor

Doğan Akhanlı  ist Mitglied der internationalen Schriftstellervereinigung PEN. Er kritisierte in der Vergangenheit mehrfach die türkische Regierung. In seinem literarischen Werk thematisiert er den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren in der heutigen Türkei. Die türkische Regierung leugnet, dass es einen solchen Völkermord gegeben hat. Akhanlıs Roman Der letzte Traum der Madonna (2005) wurde von türkischen Kritikern zu einem der zehn besten Romane des Jahres gekürt. In Deutschland wurden seine Projekte für einen offenen Umgang mit historischer Gewalt und für Versöhnung mehrfach ausgezeichnet, etwa vom Bündnis für Demokratie und Toleranz