Militärische Siege sind wohl jene, die Donald Trump am besten versteht. Möglichst simpel: Wir schießen, die anderen sterben, Gefahr gebannt – so mag sich der US-Präsident internationale Einsätze vorstellen, die der nationalen Sicherheit dienen. Etwa in Afghanistan, wo nach 16 Jahren Krieg niemand so richtig gewonnen hat, am allerwenigsten die USA.

Mangels Details einer künftigen Strategie muss man sich wohl vorerst an Trumps Worte halten. Anfang der Woche, als er seine Sicht der Lage am Hindukusch darlegte und ohne konkrete Zahlen ankündigte, noch einmal mehr US-Truppen nach Afghanistan schicken zu wollen, ließ sich das Ziel an einer einfachen Formel ablesen: "Wir betreiben nicht wieder nation building, wir töten Terroristen." An der Realität geht das vorbei – es wird anders laufen müssen.

General John "Mick" Nicholson Jr., der die US-Kräfte in Afghanistan seit rund 18 Monaten befehligt, hatte die Aufstockung des Kontingents bereits im Februar in einer Senatsanhörung empfohlen: Andernfalls werde die Mission scheitern. Direkt gefragt, "Gewinnen wir oder verlieren wir?", antwortete der General: "Wir sind in einer Pattsituation."

Es ist also der denkbar schlechteste Zeitpunkt, dem Land vollends den Rücken zu kehren, das hat offenbar auch Trump eingesehen, der den Abzug schließlich oft genug gefordert hatte ("reine Geldverschwendung!"). Ob die zu erwartenden Schritte aber dafür ausreichen werden, den USA den "vollständigen Sieg" zu bescheren, den der Präsident nun verspricht – die Zweifel sind groß. General Nicholson spricht von ein paar Tausend mehr Soldaten, die allein gebraucht würden, um den Status quo einigermaßen zu erhalten.

Wie sieht der Sieg aus, von dem Trump spricht?

Wie die Niederlage aussieht, ist leicht vorstellbar. Die Taliban und andere Radikale, inklusive Al-Kaida und dem "Islamischen Staat", haben längst wieder Fuß gefasst, spätestens seit die internationalen Truppen vor drei Jahren die Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung abgegeben haben und Trumps Vorgänger Barack Obama zunächst den Abzug vorantreiben wollte. Ihre Geländegewinne sind auf den ersten Blick nicht gewaltig, aber sie beherrschen größere Gebiete als je nach ihrem Machtverlust 2001. Und ohne ein verstärktes und bleibendes Engagement der USA (und anderer) kommt die afghanische Armee auf Dauer nicht gegen sie an.

Das wäre die Niederlage: Wenn das Land nach 16 Jahren Krieg wieder das Wenige verliert, das an Staat aufgebaut wurde, und die Radikalen sich konsolidieren. Das will auch Trump nicht – und sei es auch nur, weil er nichts so sehr hasst, wie zu verlieren. Deshalb nimmt er sich keinen Zeitplan für das Ende des Einsatzes vor, sondern will nach Bedingungen entscheiden, sprich: Reduzierung der Truppen erst dann, wenn die Sicherheitslage sich verbessert.

Aber wie sieht der Sieg aus, von dem der Präsident spricht? Die nicht nur von Nicholson propagierte Verstärkung des Kontingents allein kann lediglich einen schnellen Vormarsch der Taliban verhindern. Und ja, auch das scheint Trump erkannt zu haben: Ein fundamentaler Pfeiler der neuen Strategie sei die Nutzung "aller Instrumente amerikanischer Macht – diplomatische, ökonomische und militärische", sagte er in seiner Rede. Irgendwann, nach effektiven militärischen Anstrengungen, gebe es vielleicht die Chance für eine politische Lösung, die Teile der Taliban mit einbeziehe. Die USA würden ihre Unterstützung für die afghanische Regierung fortsetzen. Man sei ein Freund und Partner, wolle dem afghanischen Volk aber nicht diktieren, wie es zu leben habe und wie die Regierung ihrer komplexen Gesellschaft auszusehen habe.

Den Rest müsst ihr schon selbst erledigen

Damit erkennt Trump nur an, was nicht von der Hand zu weisen ist: Wirkliche Fortschritte sind in Afghanistan nur zu erzielen, wenn sich ein stabiles Staatswesen entwickelt. Wie das in einem Atemzug zu einer Absage an ebendieses nation building passt, bleibt sein Geheimnis. Zu fürchten ist bloß, dass es allzu sehr in die Richtung geht: Wir helfen dabei, weiter Terroristen zu töten, den Rest müsst ihr schon selbst erledigen – und dass die chronisch schwachen und korrupten Strukturen der afghanischen Politik und Armee das eben nicht selbst erledigen werden. Gerade die zu schwache Fokussierung darauf, einen funktionierenden Staat aufzubauen, hat in den vergangenen Jahren landauf, landab jene an die Macht gebracht, die von Chaos und Vetternwirtschaft profitieren. Es braucht durchaus große Anstrengungen der Afghanen selbst, aber eben auch Druck von außen.

Genauso wenig wird sich der Nachbar Pakistan einfach so von Trumps Forderungen einnehmen lassen, man möge doch mehr tun, um den Terrorismus im eigenen Land zu bekämpfen und nicht weiterhin den Taliban einen sicheren Hafen zu bieten. Oder Indien, das der US-Präsident um mehr Unterstützung für die Entwicklung Afghanistans bittet. Ohne diplomatischen Druck und/oder ökonomische Anreize wird sich da nicht viel bewegen, nur weil Trump es sagt. Der lässt sich aber anscheinend trotz aller Siegesparolen vor allem von der Angst vor einer endgültigen Niederlage leiten – zum Siegen würde auch wirklich mehr als nur Soldaten gebraucht, aber von diesem anderen Teil der Strategie ist noch nicht viel zu erfahren.