Es dauerte auffällig lange, bis der Präsident nach den verstörenden Bildern aus Charlottesville reagierte. Dabei schreckt Donald Trump eigentlich selten davor zurück, sich auf Twitter umgehend zu Wort zu melden und sich auch auf Wortgefechte mit lästigen Kritikern einzulassen. Doch zur Gewalt in Charlottesville kam seine 140-Zeichen-Reaktion am frühen Nachmittag nicht nur spät. Die knappen Zeilen lasen sich auch äußerst zurückhaltend: Der Präsident hat selbst Meryl Streep nach ihrer Oscarrede oder das Handelshaus Nordstrom nach dem Boykott der Produkte seiner Tochter schneller und härter kritisiert.

Dabei verlangte der Moment nach einem deutlichen Zeichen. Hunderte Neonazis und weiße Nationalisten waren gerade mit Fackeln und Fahnen durch Charlottesville marschiert. Die Bilder waren verstörend: "Heil Trump"-Rufe waren zu hören, Teilnehmer zeigten vor laufenden Kameras den Hitlergruß. Es kam zu gewalttätigen Krawallen zwischen rechten Demonstranten und ihren Gegnern. Am frühen Samstag dann lenkte ein Autofahrer seinen Wagen in eine Gruppe von Gegendemonstranten und tötete dabei einen Menschen, 19 weitere wurden verletzt.

Doch der Präsident tat auch in seiner Stellungnahme vor Fernsehkameras später wenig, um die verpasste Chance wiedergutzumachen. Trump verurteilte zwar die Gewalt in der Kleinstadt, konnte sich den Hinweis aber nicht verkneifen, dass diese "von vielen Seiten" komme – ein Kommentar, der moralische Ausgeglichenheit zwischen Demonstranten und Gegendemonstranten zu implizieren schien.

Auf Fragen der anwesenden Journalisten, ob es sich bei dem Vorfall um Terrorismus handle und ob er die weißen Nationalisten ablehne, antwortete der Präsident nicht. Stattdessen schien er die rechten Demonstranten in Schutz zu nehmen für ihren Versuch, die Geschichte des Landes zu "ehren". Bei denen kam Trumps Botschaft an. "Wirklich, wirklich gut", schrieb die Neonaziplattform Daily Stormer. "Gott segne ihn."

So war es am Sonntag an Ivanka Trump, einen Tag nach den schrecklichen Vorfällen Neonazis und weiße Nationalisten explizit beim Namen zu nennen und sich öffentlich von ihnen zu distanzieren.

Noch lauter wurde das Schweigen des Präsidenten, weil zahlreiche Politiker beider Seiten schneller die demonstrierenden Neonazis kritisierten. "Wir müssen das Böse beim Namen nennen", fasste es der konservative Senator Cory Gardner zusammen. "Dies waren weiße Nationalisten und dies war heimischer Terrorismus." Für seine Entscheidung, die Gruppe nicht beim Namen zu nennen, wurde der Präsident auch deshalb kritisiert, weil er selbst die Liberalen immer wieder dafür gerügt hatte, im Falle von islamistischen Anschlägen auf den offensichtlichen Bezug zum Islam zu verzichten. Man könne eine Ideologie nicht besiegen, wenn man nicht einmal in der Lage sei, sie beim Namen zu nennen, hatte Trump Barack Obama und Hillary Clinton immer wieder vorgeworfen. Eine Argumentation, die ihn jetzt einholt.