Viele afrikanische Flüchtlinge in Libyen sind nach einer Studie des Hilfswerks Oxfam Gewalt ausgesetzt. Die Hilfsorganisation berief sich in ihrem Bericht auf Aussagen von 158 Geflüchteten auf Sizilien. Daraus ergebe sich "ein dramatisches Bild der Lage". Demnach gehören Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit zum Alltag der Flüchtlinge.

Von 31 befragten Frauen gaben demnach alle bis auf eine an, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. 74 Prozent aller befragten Flüchtlinge sagten, sie hätten Folter oder Mord an anderen Geflüchteten beobachtet, und 84 Prozent wurden nach eigener Aussage selbst Opfer körperlicher Gewalt oder Folter. Zudem gaben 80 Prozent an, ihnen sei in Libyen regelmäßig Nahrung und Wasser verweigert worden.

Mehrere Flüchtlinge wurden nach eigenen Angaben von Banden in unterirdischen Kerkern gefangen gehalten, um von Angehörigen Lösegeld zu erpressen. Ein senegalesischer Teenager habe berichtet, aus einer Zelle voller Leichen entkommen zu sein.

"Diese Aussagen zeichnen ein Bild der erschreckenden Umstände, denen Flüchtlinge und andere Migranten in Libyen ausgesetzt sind", sagte der Geschäftsführer von Oxfam Italien, Roberto Barbieri. Die Aussagen seien "eine bittere Anklage gegen die Versuche der EU, Menschen von der Flucht vor Gewalt, Sklaverei und Tod abzuhalten". Die Bedingungen für die betroffenen Menschen in Libyen seien unzumutbar. Auch die UN hatten kürzlich die Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern als menschenunwürdig kritisiert.

Oxfam forderte von den EU-Staaten, Flüchtlingen in Libyen eine sichere Weiterreise nach Europa zu ermöglichen. Die EU könne beispielsweise "sichere Korridore" schaffen, über die die Flüchtlinge nach Europa kommen und "ein faires und transparentes Asylverfahren" erhalten könnten. Kürzlich hatte die EU den Export von Schlauchbooten nach Libyen eingeschränkt, um gefährliche Überfahrten zu verhindern.

Libyen ist eines der Haupttransitländer für Flüchtlinge aus Afrika auf ihrem Weg nach Europa. Das Land wird in weiten Teilen von bewaffneten Milizen kontrolliert, obwohl im vergangenen Jahr ein Versuch gestartet wurde, eine Einheitsregierung zu bilden. Forderungen nach der Einrichtung von Auffanglagern für Flüchtlinge in Libyen stoßen daher auf heftige Kritik.