Plötzlich gibt es zwei unerwartete Zahlen: Im Juli sind weniger Migranten über das Mittelmeer in Italien angekommen als in den Monaten zuvor: 11.000 Menschen im Juli, im Juni waren es noch rund 24.000, auch im Juni und Juli 2016. Und der Rückgang scheint sich in der ersten Augustwoche dieses Jahres fortzusetzen. Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass Flüchtlingen die Route über das Mittelmeer zunehmend versperrt wird?

Für Italien wäre das eine gute Nachricht, denn das Land ist mit den Ankommenden überfordert. Bis Anfang August kamen laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in diesem Jahr rund 96.000 Menschen, nur geringfügig weniger als 2016. Italien fordert seit Langem mehr Unterstützung von der EU, im Juli drohte die italienische Regierung, die Verlängerung der Antischleuser-Operation der EU im Mittelmeer zu blockieren, wenn es nicht mehr Solidarität gebe.

Dass in den vergangenen Wochen weniger Menschen in Italien angekommen sind, bezeichnet Flavio Di Giacomo von der IOM als unerwartet, aber nicht überraschend. Erst am Ende dieses Jahres ließe sich sicher sagen, wie sich die Migrationsbewegung im Vergleich zu den vergangenen Rekordjahren entwickelt habe, sagt er.

Es gebe viele Faktoren, die die Situation im Mittelmeer beeinflussten, sagt Di Giacomo, aber: "Die europäische und italienische Politik haben nicht zum Rückgang der Ankünfte im Juli beigetragen." Ein wichtiger Faktor sei hingegen Libyen. "Die Situation in Libyen kann sich jede Woche ändern, alles kann passieren", sagt Di Giacomo. Libyen gilt seit dem Fall von Muammar al-Gaddafi als gescheiterter Staat: Zwei Regierungen kämpfen um die Macht, es gibt rivalisierende Milizen und ein weit verzweigtes Schleusernetzwerk, das davon profitiert, dass im Land Chaos und Gewalt herrschen.

In letzter Zeit, so haben es Migranten der IOM berichtet, gebe es eine Zunahme von Kämpfen zwischen einzelnen Milizen oder Schleusergruppen, sagt Di Giacomo. Fast täglich verschiebe sich, wer wo das Sagen habe. So könnten zum Beispiel Kontrollposten, an denen Migranten vorbeigeschmuggelt werden müssten, plötzlich in anderen Händen sein, was die Schleuser dazu zwinge, zu warten oder ihre Strategien zu ändern. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex bestätigt diese Berichte über Veränderungen in Libyen.

Der Schmuggel verlagert sich

Als Folge suchten sich die Schleuser manchmal für eine Weile andere Geschäftsfelder. Passiert sei das zum Beispiel in der libyschen Küstenstadt Zuwara, knapp 120 Kilometer westlich von Tripolis, sagt Mattia Toaldo, der für den European Council on Foreign Relations (ECFR) über Migration und Nordafrika forscht. Hier würden seit Kurzem nicht nur Menschen geschmuggelt, sondern auch Öl. Ein typisches Verhalten von Kriminellen, sagt Toaldo: "Sie tendieren dazu, die Bereiche zu meiden, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, und wenden sich denen zu, die weniger sichtbar und trotzdem profitabel sind." Das kann dazu führen, dass zeitweise weniger Menschen in Boote nach Italien steigen.

Außerdem beeinflusst das Verhalten der libyschen Küstenwache den Handlungsspielraum der Schleuser. Die Küstenwache bringt neuerdings mehr Menschen, die das Land über das Meer verlassen wollen, wieder zurück. Waren es im Juli noch weniger als 800 Migranten, so brachte die Küstenwache laut IOM rund um das vergangene Wochenende mehr als 1.000 Migranten wieder an Land. Das zerstört nach Einschätzung des Migrationsforschers Toaldo einigen Schleusern ihr Geschäftsmodell: In einigen Hafenstädten kontrollierten Gangs die libysche Küstenwache. "Beobachtern fällt auf, dass die libysche Küstenwache in einigen Häfen die Boote jener Migranten blockiert, die die 'falschen' Schmuggler bezahlt haben, während sie die Boote ihrer Verbündeten durchwinke", sagt er.