Die Europäische Union muss in der Lage sein, ihre Außengrenzen zu kontrollieren, sonst hat sie ihr Existenzrecht verwirkt. Darin besteht im Kern die europäische Migrationskrise. Seit 2015, als binnen weniger Monate mehr als eine Million Menschen nach Europa kam, versuchen europäische  Staats- und Regierungschefs deshalb, die Kontrolle über die Grenzen zu gewinnen.

Das Abkommen mit der Türkei aus dem Jahr 2016 dämmte die Flüchtlingsbewegung über das östliche Mittelmeer ein, offen hingegen blieb die sogenannte zentrale Mittelmeerroute über Libyen und das Mittelmeer. Nun hat die EU offenbar einen Ansatz auch für diese Route gefunden. Er lässt sich, etwas vereinfacht, so zusammenfassen: Europa verlegt seine Außengrenzen nach Afrika. Die Absicht ist schon länger erkennbar, aber nun nimmt sie konkrete Gestalt an. Das ist ein Beweis dafür, dass Europa sich bewegt, langsam, mühsam, aber es geht in die richtige Richtung.

In Zukunft, so sagte der französische Präsident Emmanuel Macron, wird in Afrika geprüft werden, wer Anspruch auf Asyl hat und wer nicht. Die deutsche Bundeskanzlerin, der italienische Premier Paolo Gentiloni und sein spanischer Amtskollege Mariano Rajoy pflichteten bei. Sie waren auf Einladung Macrons zum Flüchtlingsgipfel nach Paris gekommen.

Migrationspolitik ist immer auch Geopolitik

Noch ist nicht klar, wie und wo die Asylansprüche in Afrika geprüft werden sollen. Doch sicher ist, mit wem man das bewerkstelligen will, mit Niger, dem Tschad und mit Libyen. Sie liegen auf der Hauptroute afrikanischer Migranten, die nach Europa wollen. Auch die Staatschefs dieser Länder waren deshalb in Paris vertreten, wobei das Wort Staatschef für den libyschen Premierminister Fajiz al-Sarraj etwas irreführend ist. Er kontrolliert gerade mal Tripolis. Die Europäer und die UN setzten auf ihn und seine Regierung, mangels Alternativen.

Kritiker bemängeln, dass die EU sich mit fragwürdigen Regimen gemein mache. Doch würde die Union nur mit Musterdemokratien zusammenarbeiten, wäre sie ziemlich einsam. Außerdem ist eine ernsthafte und realistische Migrationspolitik immer auch Geopolitik. Sie muss das Gewicht anderer Staaten, egal welcher Couleur, in Rechnung stellen. Offenbar ist die EU dabei zu lernen, sich als Großmacht zu verhalten. Im Umgang mit ihren Partnern setzen diese meist auf beides: Belohnung und Strafe. Wahrscheinlich wird die EU versuchen, in Afrika mit einer Mischung aus beidem ihren Willen durchzusetzen.

Geht das nun alles zulasten der Menschen, die nach Europa wollen?

Nein, wenn das angestrebte Modell Wirklichkeit wird. Würde in Niger oder Tschad über den Asylantrag entschieden, dann müssten die Migranten nicht mehr die lebensgefährliche Reise durch die Sahara und das Mittelmeer antreten. Die EU will sehr eng mit der UN zusammenarbeiten. Asylzentren sollen unter Aufsicht internationaler Organisationen stehen. Wessen Antrag abgelehnt wird, der soll in seine Heimat zurückgebracht werden, außerdem sollen Programme finanziell ausgestattet werden, die eine freiwillige Rückkehr aus Europa erleichtern.

Flüchtlinge "vom Hals schaffen"?

Das alles ist vernünftig und richtig. Es ist daher billig und auch falsch davon zu reden, die EU wolle sich nur Flüchtlinge "vom Hals schaffen", wie das Kritiker nun behaupten. Europa will die Migrationswege in den Griff bekommen. Das ist ein legitimes Interesse, und es ist dringend geboten. Dabei ist nicht alles perfekt, nicht alles funktioniert, wie es sollte, vieles steht nur auf Papier, es gibt Risiken, vieles bleibt auch nach dem Pariser Gipfel zu tun. Zum Beispiel ist die Frage dringend zu klären, wie man den Tausenden Menschen helfen kann, die derzeit in libyschen Lagern ein erbärmliches Leben fristen müssen. Aber die EU hat nun eine klarere Vorstellung davon, was sie mit wem, wie erreichen kann und will.

Der Flüchtlingsgipfel von Paris ist nebenbei auch ein Beispiel dafür, wie die von Krisen geschüttelte EU heute arbeiten kann. Sie ist eine Art Plattform in der sich jene Staaten zusammenfinden, die ein gemeinsames Problem gemeinsam lösen wollen. Jeder ist eingeladen, aber keiner muss kommen. Die osteuropäischen Staaten weigern sich nach wie vor, Flüchtlinge aufzunehmen. Ein tiefer Riss geht in dieser Frage durch Europa. Doch gleichzeitig hat der Gipfel die Isolation Italiens als europäischer Grenzstaat beendet.

Das Land, das sich in der Vergangenheit zu Recht beklagt hatte, allein gelassen zu werden, spielt nun in der Migrationspolitik eine anerkannte und prominente europäische Rolle. Gastgeber Macron lobte die Arbeit der italienischen Regierung nach Kräften.

Dass die Migration Europa spaltet, ist also nur die halbe Wahrheit. Sie eint Europa auch.