Indien und Pakistan feierten in der vergangenen Woche 70 Jahre Unabhängigkeit. In Blut geboren haben die Nachfolgestaaten des britischen Empires seitdem um das zwischen ihnen geteilte Kaschmir drei Kriege geführt, 1947/48, 1965 und 1971. Trotz wiederholter Ansätze zum Ausgleich bleibt das Verhältnis zwischen ihnen unverändert gespannt. Mehrere muslimische Terrorangriffe, gesteuert aus Pakistan, und der neuerdings erstarkende Hindu-Extremismus in Indien vereiteln eine nachhaltige Entspannung.

Aber auch das Verhältnis zwischen den beiden benachbarten Milliardenvölkern Indien und China ist heikel. Während in Delhi und Islamabad gefeiert wurde, standen sich indisches und chinesisches Militär im Himalaja wieder einmal auf Sichtweite gegenüber. Im Nordwesten gerieten sie am Pangong-See in Ladakh aneinander. Gleichzeitig standen sie sich, Waffen geladen und entsichert, 1.800 Kilometer weiter östlich im Hochplateau von Doklam gegenüber. Dort hatten die Chinesen begonnen, eine strategische Straße durch das Gebiet von Bhutan zu bauen, das militärisch und wirtschaftlich eng mit seiner Schutzmacht Indien verbunden ist.

In den Beziehungen zwischen Indien und China verknoten sich drei gefährliche Konfliktstränge: die kriegsträchtige Dauerkonfrontation der Inder und Pakistanis wegen Kaschmir, der ewig fortschwelende chinesisch-indische Grenzstreit im Himalaja – und das Vordringen der Chinesen in den Indischen Ozean.

Ein Herzstück der Seidenstraßen-Initiative, des Jahrhundertprojekts von Xi Jinping, ist der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC), in dem China rund 60 Milliarden Dollar zu investieren gedenkt. Die Inder sehen darin die "Kolonisierung Pakistans" durch Peking, zumal der Korridor durch das umstrittene Kaschmir führen soll. Vor allem fürchten sie jedoch eine militärische und diplomatische Stärkung ihres Intimfeindes.

Das Seidenstraßenprojekt hingegen macht ihnen nicht nur wegen Pakistan zu schaffen. Sie fühlen sich regelrecht umzingelt. Seit Langem beunruhigt sie Chinas "Perlenkette" von Stützpunkten entlang der wichtigsten Seewege, vor allem in der Nähe der beiden Flaschenhälse, der Straße von Malakka und der Straße von Hormus. So haben die Chinesen in Myanmars Kyaukpyus und Bangladeschs Chittagong Tiefseehäfen gebaut, die sich militärisch nutzen ließen. Sie haben sich in Sri Lanka eingenistet, wo sie einen Großflughafen und den militärfähigen Hafen Hambantota im Süden der Insel in den Dschungel setzten. Ferner haben sie im westpakistanischen Gwadar einen Tiefseehafen erbaut, dessen Kontrolle sie sich für 40 Jahre sicherten. "Der Drache hat den Indischen Ozean erreicht", schrieb schockiert die India Times, als chinesische U-Boote 2014 zum ersten Mal in Sri Lanka andockten.

Das chinesische Ausgreifen alarmiert Indien. Dabei ist das indische Verhältnis wegen des Gebietsstreits im Himalaja schon immer schwierig gewesen. Die 3.225 Kilometer lange Gebirgsgrenze, benannt nach Henry McMahon, dem Außenminister von Britisch-Indien, der sie 1914 mit Vertretern der damals existierenden tibetanischen Regierung festlegte, haben die Chinesen nie anerkannt. Im Oktober 1962, während die Kuba-Krise die Welt in Atem hielt, gab Mao Zedong den Befehl zum Angriff. In 33 Tagen Gebirgskrieg fügten die chinesischen Truppen den Indern eine schmachvolle Niederlage zu. Die Ära des Hindi Chini bhai bhai (Inder und Chinesen sind Brüder) war damit vorbei. Als sich Indien 1998 als Kernwaffenstaat outete, wurde Verteidigungsminister Fernandes gefragt: Warum denn Atomwaffen? Er antwortete mit einem einzigen Wort: "China!"

Gespräche über eine einvernehmliche Grenzregelung ziehen sich bis heute ergebnislos hin. Abmachungen über Truppenrückzug, die Installation einer Hotline und die Einrichtung von Kontaktpunkten zwischen den Grenzeinheiten hat es immer wieder gegeben, aber sie wurden auch immer wieder interpunktiert von heftigen Gefechten.

Im Hochplateau von Doklam haben indische Truppen den Weiterbau der Straße durch Bhutan fürs Erste verhindert. Delhi sieht darin eine direkte Bedrohung, weil chinesische Truppen damit 50 Kilometer an den Siliguri-Korridor heranrücken würden, den schmalen Streifen Land zwischen Nepal, Bhutan und Bangladesch. Er verbindet das indische Kernland mit den sieben Bundesstaaten im Nordosten. Einer von ihnen, Arunachal Pradesh, ist zwischen China und Indien seit Langem umstritten; die Chinesen nennen ihn "Süd-Tibet".

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hat den Fehdehandschuh aufgenommen. Er hat den Dalai Lama eingeladen (und ihm jüngst sogar eine Reise nach Arunachal Pradesh erlaubt, wo er sich um die nächste Reinkarnation kümmert). Er ist näher an die Vereinigten Staaten herangerückt und verstärkt die militärische Zusammenarbeit mit Australien, Japan und Vietnam. Eine militärische Auseinandersetzung kann er freilich so wenig wollen wie die chinesische Führung. Wenn aber die geopolitischen Interessen das Verhältnis der beiden Milliardenvölker stärker prägen sollten als die gemeinsamen Interessen, kann sich die Himalaja-Krise noch lange hinziehen. Die McMahon-Linie könnte die bedrohlichste Verwerfungslinie des 21. Jahrhunderts werden.