Flache Häuser, oft nur halb fertig, drängen sich eng an einen kahlen Hügel. In einer Autowerkstatt schrauben zwei Jugendliche an einem alten Mercedes. In einer Teestube treffen sich eine Handvoll alte Männer, sie tragen lange Bärte. Frauen sieht man kaum auf der Straße, und wenn, sind sie voll verschleiert. Auf einer unverputzten Mauer wird zum Kampf gegen "die Ungläubigen" aufgerufen, daneben sind die Farbreste einer schwarzen Fahne des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) zu sehen.

La Cañada, dieses vergessene Viertel auf einer Anhöhe am Rande der spanischen Stadt Melilla, soll ein Zentrum des fundamentalen Islamismus sein. Von hier soll auch einer der mutmaßlichen Attentäter von Barcelona stammen, ein Mann mit spanischer Staatsangehörigkeit. 

Melilla, warnen einige Sicherheitsdienste schon seit Langem, sei eine Brutstätte des Islamismus. Die Stadt am Mittelmeer ist kein gewöhnlicher Ort. Sie liegt zwar auf marokkanischem Boden, gehört aber seit dem 15. Jahrhundert zu Spanien. Schlagzeilen machen immer wieder die hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zäune, die Wachtürme, die Videokameras und die vielen spanischen Polizisten, die verhindern sollen, dass Migranten und Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern nach Melilla und damit rechtlich auf europäischen Boden gelangen.

Gegen Flüchtlinge ist diese Grenze ein nur schwer zu überwindender europäischer Schutzwall. Doch islamistische Terroristen und ihre Förderer und Sympathisanten hält diese gewaltige Sperranlage nicht fern.

Ausweise werden gegen Geld verliehen

Das liegt an diesem sonderbaren Konstrukt. Etwa die Hälfte der offiziell rund 80.000 Einwohner sind Marokkaner oder Spanier mit marokkanischen Wurzeln. Manche leben schon ewig hier, andere erst seit Kurzem. Experten schätzen die Zahl der Marokkaner noch weit höher, denn im Viertel La Cañada, wo die meisten wohnen, hausen auch viele illegale Einwanderer. 

Für Marokkaner ist es leicht, nach Melilla zu kommen. Jeden Tag überqueren etwa 25.000 Menschen und etwa 15.000 Autos die Grenze. Die meisten sind Kleinhändler und Schmuggler. Wer auf der marokkanischen Seite in der Nähe des Zaunes wohnt – und das sind viele –, bekommt einen Passierschein für Melilla, mit dem man beliebig ein- und ausreisen kann. Er wird oft nur hektisch kontrolliert, die Fotos darauf sind ungenau.

Mit diesem Ausweis lässt sich viel Geld machen. Er wird regelmäßig gegen Euro, Dollar oder Dirham an andere Marokkaner verliehen, mitunter auch an Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, die den weiten Weg bis zu diesem europäischen Grenzposten geschafft haben. In Melilla wird der Ausweis dann an einen Kurier übergeben, der ihn zurück zum marokkanischen Besitzer bringt. Auf diesem Weg sind Legionen von Leuten ohne Papiere in La Cañada untergeschlüpft, unter ihnen auch etliche Terroristen und islamistische Einpeitscher.