Nordkorea hat offenbar größere Fortschritte bei seinem Raketenprogramm erzielt, als bisher bekannt war. Die Regierung in Pjöngjang habe einen atomaren Sprengkopf entwickelt, der klein genug für den Einsatz in seinen Interkontinentalraketen sei, berichtet die Washington Post unter Berufung auf eine geheime Analyse des US-Militärgeheimdienstes (DIA) vom Juli. Das japanische Verteidigungsministerium habe die Erkenntnisse der DIA bestätigt.

Das würde bedeuten, dass Nordkorea näher am Ziel einer interkontinentalen Atomrakete ist als bisher angenommen. Im Juli erst hatte das Land erfolgreich zwei Interkontinentalraketen getestet, die nach Angaben des Regimes das US-Festland erreichen könnten. US-Geheimdienste und Japan hatten die Tests bereits bestätigt.

Raketensysteme & Reichweiten Nordkorea

Theoretische Reichweiten nordkoreanischer Raketensysteme, geschätzt und hochgerechnet

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Unklar ist, ob Nordkorea die neuen Miniatursprengköpfe bereits getestet hat. Die Regierung in Pjöngjang hatte im vergangenen Jahr angegeben, dass ein solcher Test erfolgt sei. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dafür nicht. 2016 hatte das Regime allerdings noch keine funktionstüchtigen Interkontinentalraketen.

Bisher keine bewaffnete Langstreckenrakete getestet

Stimmen die Analysen der DIA, auf die sich die Washington Post bezieht, dann wäre der entscheidende neue Entwicklungsschritt Nordkoreas, nun theoretisch nukleare Sprengköpfe mit Langstreckenraketen bis zum US-Festland transportieren zu können. Noch ist aber nicht bewiesen, dass Nordkorea zu einem Angriff auf die USA mit Atomwaffen fähig wäre. Das Regime hat bislang keine atomar bewaffnete Interkontinentalrakete getestet. Die Kombination von nuklearem Minisprengkopf und Langstreckenrakete ist also bisher nur eine theoretische Option.

Das Pentagon reagierte zunächst nicht auf den Zeitungsbericht. Laut Washington Post bestätigten aber zwei anonyme US-Behördenvertreter die Einschätzungen des Militärgeheimdienstes. Die Zeitung berichtete außerdem, die DIA schätze, dass Nordkorea bis zu 60 Atomwaffen besitzt – das wären deutlich mehr, als bisher angenommen wurde.

Trump droht mit "Feuer, Wut und Macht"

In einer Reaktion auf den Bericht hat US-Präsident Donald Trump der Führung in Pjöngjang indirekt militärische Gewalt angedroht. Wenn Nordkorea seine Drohungen fortsetze, werde er diesen begegnen – "mit Feuer, Wut und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat", sagte Trump.

Nordkorea warnte die Vereinigten Staaten kurz nach Trumps Tweet vor einem Raketenangriff auf die US-Pazifikinsel Guam. Das Militär ziehe eine solche Attacke "ernsthaft in Erwägung", meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Laut einem Sprecher der nordkoreanischen Armee könne der Plan jederzeit ausgeführt werden.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte wegen der Raketentests des Regimes von Kim Jong Un erst am Wochenende neue Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Auf Antrag der USA wird der Export des Landes empfindlich eingeschränkt, die Regierung in Pjöngjang könnte bis zu ein Drittel ihrer Handelseinnahmen verlieren.