Scharf kalkulierte Provokationen sind eine Spezialität des nordkoreanischen Regimes. Der Abschuss einer ballistischen Rakete über Japan hinweg – wahrscheinlich vom bereits erprobten Typ Hwasong-12 – ist so eine. Es ist per se ein aggressiver Akt und eine Verletzung der Souveränität Japans. Zwar waren 1998 und 2009 bereits Raketen aus Nordkorea über Japan geflogen, doch es waren Weltraumraketen, für Satelliten, wie es aus Nordkorea hieß. Das Geschoss an diesem Dienstag war eine gelenkte militärische Rakete.  

Ein weiteres Merkmal dieses Abschusses ist, dass er noch während des jährlichen Manövers Ulchi Freedom Guardian stattfand, das in Südkorea gemeinsam mit US-amerikanischen Streitkräften ausgerichtet wird. In Pjöngjang nennt man das Manöver die Vorbereitung einer Invasion in Nordkorea.

Raketen werden von den Nordkoreanern häufig an symbolträchtigen Terminen getestet. Das können Jubiläen der Kim-Dynastie sein, um die eigene Größe zu feiern. Oft sind es auch wichtige Termine von Chinas Parteielite, um dem großen Nachbarn und langjährigen Beschützer zu zeigen, dass man tut, was man will.

Je mehr Tests, desto besser die Raketen

Oder man meint, wie jetzt gerade, den Erzfeind USA. Bereits Anfang August ließen die Nordkoreaner einen ihrer Generäle verkünden, man habe vier Mittelstreckenraketen vorbereitet, die in Richtung der US-Pazifikinsel Guam fliegen könnten. Diese Geschosse hätten dann auch den US-Alliierten Japan überflogen.

Diese später zurückgenommene Ankündigung war die konkreteste Drohung gegen die USA, die in Nordkorea jemals ausgesprochen wurde. Der Abschuss der Mittelstreckenrakete an diesem Dienstag war damit eine Art abgespeckte Version der Guam-Drohung, und mit dem Überfliegen Japans als einem der wichtigsten US-Alliierten überhaupt ist auch die US-Regierung Donald Trumps direkt angesprochen.

Dem Schreckensregime geht es natürlich primär nicht ums Symbolische: Die Nordkoreaner wollen testen, denn je mehr sie das tun, desto mehr Wissen haben sie über den technischen Stand ihrer Raketen und desto näher kommen sie ihrem Ziel, funktionierende Atomwaffen zu besitzen. Über all dem steht der Wille, sich militärisch maximal abzusichern – eben mit Atomwaffen. Und am Ende wollen sie international als Atomstaat akzeptiert werden.

Theoretische Reichweiten nordkoreanischer Raketensysteme, geschätzt und hochgerechnet

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Und je besser ihr Waffenprogramm ist, desto besser wird auch ihre Ausgangsposition, wenn sie irgendwann mal an den Verhandlungstisch über ihr Rüstungsprogramm zurückkehren, was geschehen wird. Und zwar spätestens dann, wenn die Nordkoreaner über eine verlässliche Interkontinentalrakete verfügen – eine, die auch das US-Festland erreichen kann.