Über eine halbe Stunde zog die Rakete in einer steilen Flugbahn über das Japanische Meer – dann stürzte sie ab. Ins Meer, gut 930 Kilometer von ihrem Abschussort in Nordkorea entfernt. Ein Fehler? Nein, eine Machtdemonstration. Mit dem Test der Hwasong-14 im Juli zeigte Nordkorea der Welt, dass sein Raketenprogramm viel weiter ist als vermutet.

Die Rakete habe eine interkontinentale Reichweite von 6.700 Kilometern, gaben US-Militärs besorgt zu Protokoll. Und nur zwei Wochen später dürften die Sorgenfalten der amerikanischen Strategen noch tiefer geworden sein. Am 28. Juli ließ das Regime in Pjöngjang eine weitere Rakete abfeuern. Diesmal gingen manche Beobachter sogar davon aus, das Geschoss könne Ziele in bis zu 10.000 Kilometern Entfernung treffen: von Nordkorea aus also Metropolen in den Vereinigten Staaten bedrohen. 

Und die Raketenentwicklung in Nordkorea geht offenbar stetig weiter. Die Fortschritte sind eklatant. Allein 2016 gab es 24 nordkoreanische Raketentests, so viele wie noch nie in einem Jahr. Dabei feuerten die Streitkräfte an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Raketen- und Trägersysteme ab. Kim Jong Uns Vorgänger, sein Großvater und sein Vater, kamen gemeinsam auf nur gut 30 Tests. ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zum nordkoreanischen Raketenprogramm.

Über welche Raketen verfügt Nordkorea?

In den nordkoreanischen Raketensilos und unterirdischen Lagern befinden sich verschiedene Systeme. Besonders bei den Mittelstreckenraketen hat das Land in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Deren Reichweiten liegen zwischen 3.000 und 5.000 Kilometern. Am 14. Mai 2017 testete Nordkorea eine neue Rakete vom Typ Hwasong-12. In den USA errechneten Experten anhand der Flugdaten eine maximale Flugweite von gut 4.000 Kilometern. Damit sind Tokio sowie alle großen US-Basen in Japan erreichbar. Auch Guam, die für das US-Militär bedeutende Insel, liegt in Reichweite.

Wenig später bewiesen die nordkoreanischen Militärs abermals, dass ihre Fortschritte beim Raketenbau für die Nachbarländer und die Vereinigten Staaten von Amerika besorgniserregend sind. Sie feuerten von einem mobilen Transporter aus eine Mittelstreckenrakete vom Typ Pukguksong-2 ab. Sie soll noch Ziele in bis zu 3.000 Kilometern zerstören können – und ihr Abschuss ist kaum aufzuhalten, weil sie leicht verlegbar ist.

Nordkorea testet trotz eines Verbots der Vereinten Nationen immer wieder ballistische Raketen. Noch misslingen regelmäßig Starts von Testraketen und viele der erfolgreichen abgeschossenen Flugkörper sind lediglich Prototypen, die noch nicht in Serie gefertigt werden. Dennoch erreichen Nordkoreas Geschosse längst alle Ziele in Japan und Südkorea. Und sie können Massenvernichtungsmittel tragen, neben Nuklearsprengköpfen arbeitet das Regime auch an Giftgas- und biologischen Waffen. Selbst die Städte an der amerikanischen Westküste dürften schon bald durch Nordkorea bedroht sein: Die neuen Interkontinentalraketen könnten diese Entfernung meistern. Solche Geschosse testete Nordkorea vor wenigen Wochen das erste Mal.

Wie weit sind die Nordkoreaner beim Raketenbau?

Das Land hat enorme Fortschritte bei der Raketenentwicklung gemacht. Zwar bestreiten Experten, dass die Flugkörper und die darin verbauten Komponenten permanent zuverlässig funktionieren, das Lenk- und Steuersystem könnten Schwachstellen sein. "Aber ein Sprengsatz kann auch mit einfacher Technik gegen ein Flächenziel gerichtet werden, und projektierte Werte lassen sich in weiteren Erprobungen verbessern", stellen Michael Paul und Elisabeth Suh in einer kurzen Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik fest, dem wichtigsten deutschen Thinktank in Sachen Außen- und Sicherheitspolitik. Es sei "nur eine Frage der Zeit, bis das Land in der Lage sein wird, Nuklearwaffen gegen die USA einzusetzen".

Woher stammt die Technik?

Zunächst entwickelten die Forscher Nordkoreas alte Raketentechnik aus der Sowjetunion weiter, die sie auch aus China erhielten: Flugkörper vom Typ Scud und Nodong. Nordkoreas Militär ließ die Geschosse modernisieren – und setzte dann in den vergangenen Jahren zunehmend auf Eigenentwicklungen. So erhielten die nordkoreanischen Raketen sehr leistungsfähige Triebwerke. Woher diese Antriebe stammen, sei nicht klar, sagt Mike Elleman vom International Institute for Strategic Studies (IISS) in Washington, einer bedeutenden Forschungseinrichtung zur Sicherheitspolitik. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass Nordkorea diese ganz allein geplant, entwickelt und produziert habe.