"Der Basti kommt", kann der junge Mann mit dem Häppchenteller in der Hand noch raunen, dann verschlingt ihn der Kamera-Mob. Dutzende Journalisten verstopfen das stickige Dreiraumbüro im noblen ersten Wiener Gemeindebezirk, wo das "Team Kurz" gerade eine weitere Freiwilligenzentrale eröffnet. Stargast: der Mann der Stunde höchstselbst. "Ich will euch ganz herzlichen Dank sagen", sagt Sebastian Kurz. "Wir haben die Volkspartei übernommen mit dem Ziel, eine starke Bewegung zu bilden. Mittlerweile sind es 100.000 Menschen, die uns unterstützen wollen."

Seit Sonntag ist Kurz 31 Jahre alt, rosa Wangen glänzen in seinem jungenhaften Gesicht. Auch seine Unterstützer, die meisten kaum jünger als er, strahlen. Nicht wegen der 100.000 Menschen, sie wissen selbst, dass diese Zahlen nichts aussagen. Die Umfragen schon: Die ÖVP führt sie mit 32 bis 33 Prozent an, vor der SPÖ von Kanzler Christian Kern und der rechten FPÖ von Heinz-Christian Strache. Es ist ein bemerkenswerter Solo-Höhenflug: Bevor der Außenminister im Mai die Macht an sich riss, kroch die Volkspartei um die 20-Prozent-Marke herum. Drei Monate später wäre alles andere als ein Sieg seiner "Liste Sebastian Kurz – Die neue Volkspartei" bei den Nationalratswahlen am 15. Oktober eine Überraschung – und das, obwohl kaum ein Wähler genau weiß, wofür Kurz steht und wohin er Österreich steuern will. Oder genau deswegen.

"Liberal und christlich-sozial", so bezeichnet sich Sebastian Kurz selbst. Politische Vorbilder habe er keine, erzählte er der Bunten Ende 2013: "Es gibt nur einige Persönlichkeiten, die ich beeindruckend finde. Angela Merkel oder auch Hans-Dietrich Genscher." Aber ein Image, das hat Sebastian Kurz schon: Ein Feschak ist er, wie man in Österreich sagt, ein attraktiver Typ, der in Sachen Einwanderung harte Positionen vertritt. Seit über einem Jahr führt er mit diesem Image die Rankings der beliebtesten Politiker an. "Prinz Eisenherz" hat ihn das Nachrichtenmagazin Profil einmal genannt. Im März 2016 gab er bei Anne Will den Antipoden zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik, seitdem kennt ihn auch Deutschland.

"Wir haben zu wenig Willkommenskultur"

"Ich habe die Balkanroute geschlossen", reklamiert Kurz heute für sich, seit auf seine Initiative hin Anfang 2016 die Staaten des Westbalkans zusammenkamen und den Fluchtweg aus dem Nahen Osten abriegelten. Wie zur Auffrischung hat er zuletzt der Welt am Sonntag noch einmal seine größten Exportschlager aufgetischt: Die "Politik der offenen Grenzen" treibe die Flüchtlinge auf die lebensgefährliche Reise nach Europa, die NGOs richteten "nur Chaos an" und arbeiteten mit Schleppern zusammen, "notfalls" müsse die EU in Libyen ohne UN-Mandat für Ordnung sorgen. "Notfalls" will er auch den Brenner schließen, wenn Flüchtlinge in großer Zahl über den Pass nach Österreich einreisen sollten.

Das Abriegeln des Westbalkans kommentierte Kurz im TV-Talk Anne Will 2016 mit den Worten: "Wir sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es ohne furchtbare Bilder gehen wird." Ferdinand Maier lacht auf, wenn man ihn auf diesen Satz anspricht. "Das klingt christlich-sozial, nicht wahr?" Der 65-Jährige Maier war schon als Nationalratsabgeordneter ein unbequemes ÖVP-Mitglied, seit 2014 lässt er seine Mitgliedschaft ruhen. Als Co-Koordinator der Regierung in der Flüchtlingskrise ab September kritisierte Maier den Außenminister immer wieder für dessen rigiden Kurs. Zumal er einen anderen Sebastian Kurz kennengelernt hat: "Seine politische Haltung hat sich seit dem Sommer 2015 sicher geändert", sagt er.

Nicht einmal ein Jahr bevor Hunderttausende Flüchtlinge über Spielfeld, Bad Radkersburg, Nickelsdorf und andere Grenzorte nach Österreich kamen, sagte Außenminister Kurz einen Satz, der aus heutiger Sicht verwundert: "Wir haben zu wenig Willkommenskultur." Er sprach von den Chancen der Zuwanderung für eine alternde Gesellschaft wie Österreich. Eine Haltung, die er schon als Integrationsstaatssekretär ab 2011 an den Tag gelegt hatte, sagt Thomas Hofer, politischer Berater und Kommentator für den österreichischen Fernsehsender Puls 4. "Er hat versucht, das seit Haider tradierte negative Bild von Zuwanderung zu ändern. Das hat sich schlagartig geändert."

Während der heutige Kanzler Christian Kern im Sommer 2015 als Chef der Bundesbahn den Weitertransport der Flüchtlinge organisierte, versorgten Freiwillige am Wiener Westbahnhof die Menschen. Sebastian Kurz, der damals noch als moderater Integrationspolitiker galt, ließ sich dort nicht blicken. Stattdessen mahnte er vor den Gefahren der Masseneinwanderung. Wer mit Menschen spricht, die Kurz gewogen sind, hört eine positive Interpretation dieses Sinneswandels: Der Außenminister wurde sich seiner Verantwortung als Staatsmann bewusst.