In Südkorea gehört der Ernstfall zum Alltag: Um Punkt zwei Uhr heulen am Mittwoch die Sirenen in der Seouler Innenstadt auf, Taxis und Busse halten umgehend am Straßenrand, Polizisten mit Trillerpfeifen und roten Leuchtstäben weisen die Passanten in die bombensicheren Untergeschosse der Bürotürme. Allein den entnervten Gesichtern der Angestellten lässt sich entnehmen, dass es sich lediglich um eine der halbjährlich stattfindenden Luftschutzübungen handelt.

"Die Südkoreaner sind längst ermattet von der ständigen Kriegshysterie", sagt die 29-jährige Haeryun Kang, die als Redakteurin beim Medien-Start-up Korea Exposé arbeitet. Sie sitzt in einem lichtdurchfluteten Großraumbüro zwischen Kollegen mit Hornbrille und bunten Shorts, der Altersdurchschnitt liegt kaum höher als in einem Uni-Seminar. Ob sich ihre Freunde vor der Bedrohung aus Nordkorea sorgen? Kang winkt ab: "Außer für Journalisten oder Politiker ist das gar kein Thema hier." 

Dabei stehen nur eine Autostunde nördlich, an den Berghängen der Demarkationslinie, die nordkoreanischen Artilleriegeschosse bereit. Es scheint geradezu paradox, dass ausgerechnet diejenigen, die seit Jahrzehnten mit dem kreisenden Damoklesschwert über ihren Köpfen leben, scheinbar am gelassensten mit der gegenwärtigen Krise umgehen.

Die Alten sind mit dem Kalten Krieg aufgewachsen

Für Haeryun Kang sei das nur einleuchtend. Man müsse nur auf ihre Biografie schauen: Als sie 1988 geboren wurde, fanden kurz zuvor in ihrem Heimatland die ersten freien Wahlen statt, zudem standen die Olympischen Spiele in Seoul bevor. Damals kaperten Agenten aus Pjöngjang eine voll besetzte Passagiermaschine und sprengten sie in die Luft. Seitdem hätten sich zwar die Spannungen Jahr für Jahr wiederholt, doch zu einer ähnlichen Tragödie sei es nie mehr gekommen. "Mein Vater und vor allem Großvater sind noch viel stärker mit der Mentalität des Kalten Krieges aufgewachsen – die ist besonders bei Männern stärker ausgeprägt, weil die im Militär waren", sagt Kang.

Dabei erscheint eine militärische Auseinandersetzung auf der koreanischen Halbinsel derzeit wahrscheinlicher denn je: Seit Montag finden in Südkorea die "Ulchi Freedom Guardian" statt, eine größtenteils Computer simulierte Militärübung, an der 50.000 südkoreanische und 17.500 US-Soldaten teilnehmen. Pjöngjang nennt das Manöver eine Vorbereitung auf eine Invasion – und hat erneut einen Raketenangriff gegen die US-Pazifikinsel angedroht.

In den südkoreanischen Tageszeitungen ist es jedoch vor allem US-Präsident Donald Trump, der mit seinen regelmäßigen Andeutungen eines Präventivschlags für aufgeregte Schlagzeilen sorgt. Die meisten der 25 Millionen im Ballungsraum Seoul fühlen sich als politische Geisel eines internationalen Konflikts, in dem sie kaum mehr als eine Statistenrolle einnehmen.

Dass ein militärischer Konflikt gerade für die Südkoreaner besonders tragische Konsequenzen haben würde, darüber herrscht unter Militärexperten Konsens. "Ein konventioneller Krieg gegen Nordkorea ist gerade deshalb so enorm gefährlich, weil die nordkoreanische Armee mit herkömmlichen Waffen klar unterlegen ist", sagt der US-Amerikaner Daniel Pinkston von der Troy Universität: "Pjöngjang hätte in einem solchen Szenario einen starken Anreiz, zu chemischen oder Nuklearwaffen zu greifen". Dennoch rät auch Pinkston zur Gelassenheit: "Worte sind nur Schall und Rauch. Was wirklich zählt, sind Taten." Das nordkoreanische Regime könne unmöglich einen Krieg anfangen wollen, den es ohnehin nicht überleben würde.