Es ist die zweite Nacht des Gefechts um den Flughafen Donezk, Oktober 2014. Olexandr Chub liegt in einer Garage inmitten von Geröll und versucht zu schlafen. Nach neun Stunden Schusswechsel ist es etwas ruhiger im Flughafengebäude. Kurz nickt der 28-jährige Soldat ein, bis ihn ein Tropfen von der beschlagenen Decke weckt. In der Ferne hört er Schüsse. Um zu sehen, was los ist, geht er nach oben. Im nächsten Moment explodiert eine Granate, genau an dem Ort, an dem er eben noch schlief.

"Wer ist verletzt?", schreit Chub in den Rauch, er sieht nichts. Dann trifft ihn selbst ein Teil einer Mörsergranate einen Zentimeter über seinem Stiefelbund, zersplittert sein Schienbein. "Ich bin getroffen", ruft er. Es ist seine letzte Erinnerung an den Tag, als ein Tropfen Kondenswasser sein Leben rettete.

Olexandr Chub meldete sich vor mehr als drei Jahren freiwillig für den Militärdienst beim Rechten Sektor, eine Freiwilligengruppe von überwiegend nationalistischen Soldaten. Seit Start des Ukraine-Krieges kämpft die Privatarmee auf der Seite der Regierungstruppen. Drei Tage lang verteidigte Chubs Armee im Sommer 2014 den internationalen Flughafen Donezk gegen prorussische Separatisten. Es war damals das Epizentrum des Krieges.

Chub ist heute 30, trägt eine Glatze und ein T-Shirt mit einem Fahrrad, das wie ein Unendlichkeitszeichen aussieht. Er stottert seine Satzanfänge und beendet sie meist mit einer rhetorischen Frage, als wäre er es gewohnt, dass jemand seine Erzählung bestätigt: "Etwas passiert und du bist plötzlich mittendrin, hast Einfluss auf die Geschichte", sagt er, "weißt du?"

Seit bald vier Jahren tobt der Ukraine-Krieg mittlerweile. Mehr als 10.000 Opfer hat er gefordert, 2,7 Millionen Binnenflüchtlinge haben ihr Zuhause verloren, fast täglich wird immer noch die Waffenruhe des Minsker Abkommens gebrochen. Allein von Januar bis August beziffert die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) über 339 zivile Opfer. Ein Anstieg von fast 50 Prozent zum Vorjahr. Vor allem um größere Städte wie Donezk käme es vermehrt zu Gewaltausbrüchen. Die Anhäufung von Waffen und Kräften in diesen Gebieten könne auf eine bevorstehende Zunahme der Gewalt hindeuten, sagt Alexander Hug, stellvertretender Leiter der Sonderüberwachungsmission in der Ukraine (SMM). Ein Tag, an dem keine Opfer aus dem Konfliktgebiet gemeldet werden, sei ein guter Tag, sagt Andriy Lysenko, Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Lysenko und Hug berichten in der ukrainischen Hauptstadt über den Fortgang des Krieges. In Kiew, rund 700 Kilometer von der Front entfernt, ist der Krieg vor allem durch die rund 300.000 Kriegsrückkehrer wie Olexandr Chub sichtbar. Seit den Gefechten um das Flughafengelände wird sein linkes Bein von zwei 30 Zentimeter langen Metallstäben zusammengehalten. Mehrere Wochen lag er im Krankenhaus. Ein halbes Jahr ging er auf Krücken. Er spricht von seinen "dunkelsten Monaten", in denen er vergebens auf eine Unterstützung vonseiten der Regierung wartete. Bis heute bekommt er keine Invalidenrente: "Nur weil es ein Gesetz gibt, heißt das in der Ukraine nicht, dass du dich darauf berufen kannst." Als Soldat hätte er immer Hilfe bekommen, sagt Chub. Plötzlich war er aber nicht mehr Nationalheld, sondern Invalide.

Nach einem Bericht der Weltbank über die Situation von ukrainischen Veteranen vom Mai 2017 gaben zwei Drittel der Befragten an, kaum Aufmerksamkeit von der Regierung zu bekommen. Zurück in der Gesellschaft steht ihnen ein neues Gefecht bevor: der Kampf um staatliche Unterstützung. Bürokratische Hindernisse und Engpässe würden die Sozialversorgung blockieren, berichtet die Kyiv Post. Die Weltbank schätzt, dass seit Beginn des Jahres ukraineweit rund 450.000 Rückkehrern aufgrund umständlicher Verifizierungsanforderungen ihre Sozialleistungen vorenthalten wurden. Eine psychische Beeinträchtigung allein ist nicht Kriterium genug, um die Invalidenrente zu bekommen. Und selbst wer sie bekommt, hat kaum ausgesorgt: Ihr Höchstsatz beträgt umgerechnet 96 Euro. Trotz mehrfacher Nachfragen will sich die ukrainische Regierung gegenüber ZEIT ONLINE nicht öffentlich zu den Vorwürfen der Kriegsrückkehrer äußern.