Iwona Kostyna ist Vizepräsidentin von Pobratymy. Die NGO kümmert sich um die Reintegration von Kriegsrückkehrern. © Ann Esswein für ZEIT ONLINE

Es ist Nachmittag, Chub, der ehemalige Soldat, sitzt mit seiner Freundin im Halbschatten und isst Pizza. Während er spricht, tippt Iwona Kostyna immer wieder auf ihrem Smartphone. Die 20-Jährige half ihm beim Ausfüllen der Dokumente für die Rente, die er nie bekam. Sie ist Vizepräsidentin von Pobratymy. Die NGO kümmert sich um die Reintegration von Kriegsrückkehrern. Chub arbeitet nach seiner Genesung als Freiwilliger für Pobratymy. "Rechtlich müsste die Regierung sich um die Veteranen kümmern, aber es gibt einfach keine Kapazitäten dafür", sagt seine Freundin. Sie spricht von einem kollektiven Trauma, für das die Regierung keine Lösung hat. Die ukrainische Zivilgesellschaft schon. Zumindest gibt es Projekte, die Hoffnung wecken.

Pizza Veterano © Ann Esswein für ZEIT ONLINE

Die Pizzeria, in der Chub sitzt, ist ein Ort, wo der Krieg zur Geschäftsidee umgemünzt wird: Das Banner von Pizza Veterano zeigt einen grinsenden Mann mit Schnurrbart auf Camouflagegrund und nach oben gestreckten Daumen. In der Küche der Restaurantkette arbeiten nur Veteranen. Für viele sei der Einstieg in die Arbeitswelt schwierig, sagt der Besitzer Leonid Ostaltsew. Es bleibe kaum Zeit zur Rehabilitation.

Bei Ostaltsew müssen alle Angestellten zwei Mal pro Woche mit einem Psychologen reden. Nur wenige Rückkehrer würden sonst über ihre Erfahrungen sprechen. Dabei ist das der einzige Weg mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung klarzukommen. Viele Arbeitgeber wären auch deshalb skeptisch, jemanden aus dem Konfliktgebiet einzustellen, sagt Ostaltsew. Eine Studie der kanadische NGO Stabilization Support Service, die in Kooperation mit der britischen Botschaft entstand, bestätigt das gängige Stigma: 53 Prozent der Soldaten gaben selbst an, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden. Deutlich mehr, 71 Prozent, der befragten Zivilisten würden den Rückkehrern allerdings eine psychische Einschränkung zuschreiben, die sie allein nicht lösen könnten.

Als Chub an einem anderen Tag in der Pizza Veterano sitzt, fragt ihn ein älterer Veteran, warum er kein Bier trinkt. "Weil es mir nicht gut tut", entgegnet Chub. Viele seiner Kameraden, die vor dem Einsatz tranken, tun es nun umso mehr. Wie ein Brennglas sei der Krieg, sagt er. Er mache Probleme größer und deutlicher. "Drogen?" Chub schüttelt den Kopf. "Und schlafen?" Die Erinnerungen holen Chub nicht nachts ein, aber manchmal tagsüber.

Olexandr Chub trainiert für die Invictus Games in Toronto, ein internationaler Wettbewerb im Invalidensport. © Ann Esswein für ZEIT ONLINE

Ein paar Straßen weiter vor einigen Monaten: An einer Kreuzung steigt ein älterer Mann aus einem Auto. Chub fährt Fahrrad. Im Vorbeifahren glaubt er die Krücken des Mannes seien Waffen. Chub schlägt ihn auf offener Straße nieder. "Ein Automatismus", sagt er. Im Krieg müsse man eben schnell reagieren, "sonst geht man drauf". Auch Chub litt unter Zügen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Was half ihm? "Darüber reden", sagt er, lächelt, und: "Sport".

Nach seiner Genesung bewirbt sich Chub für die Invictus Games in Toronto, einen internationalen Wettbewerb im Invalidensport. In diesem Jahr ist es das erste Mal, dass die Ukraine antritt. Chub wird einer der 15 Teilnehmer. Gerade kommt das Team aus einem zweiwöchigen Trainingscamp zurück. Dort sprachen die Männer eines Abends erstmals von ihren Erfahrungen aus dem Krieg. Obwohl ihre Handicaps ständig präsent sind, scheint während des Trainings der Konflikt vergessen. "Wir Ukrainer durften in der Vergangenheit nie stolz sein. Jetzt endlich haben wir die Möglichkeit", sagt Chub. Er redet wie jemand, der seine Posttraumatische Belastungsstörung überwunden zu haben scheint. In der Ukraine ist er damit die Ausnahme.