In Felcsút, jenem kleinen Ort westlich der ungarischen Hauptstadt, in dem Viktor Orbán aufwuchs, fährt seit einiger Zeit ein neuer Zug. Die Eisenbahn verbindet den Fußballplatz des Dorfes mit einem Wald. Keine sechs Kilometer tuckert sie bis zur Endhaltestelle, dann geht es wieder zurück, vorbei an Wiesen und Bäumen. Eine Fahrt dauert etwa 20 Minuten. 

Fast zwei Millionen Euro zahlte die EU, damit die Bahn fährt. Genutzt wird sie seitdem von etwa 25 Reisenden pro Tag, die vor der Bahnfahrt mit dem Auto nach Felcsút gekommen sind, um sich den Fußballplatz des Dorfes anzusehen. Dessen Dachkonstruktion besteht aus geschwungenen Schieferplatten, die Rasenheizung entspricht Fifa-Kriterien, und über den Tribünen erstrecken sich die Dachsäulen wie Arme eines Palastes in die Höhe. "Majestätisch", sagt ein Besucher und fotografiert das erstaunlichste Gebäude im Ort.

Im Mittelalter ließen sich die Mächtigen zur Erheiterung ein neues Schloss bauen, oder eine Burg, ein neues Jagdpalais oder ein Denkmal aus Granit. In der heutigen Zeit gibt es so etwas in Europa nicht mehr, eigentlich. Nur in Ungarn ist der Hightech-Fußballtempel ein Monument der Macht, in dem ein ungarisches Zweitligateam spielt. Er gleicht im extravaganten Baustil Arenen in Dubai oder Peking, steht aber inmitten dieses kleinen ungarischen Dorfes – weil der Mittelstürmer Viktor Orbán das so wollte. Und weil der mächtigste Mann Ungarns dachte, zu seinem Stadion gehört ein Zug, hat Felcsút nun auch eine eigene kleine Eisenbahn, finanziert von der EU.

Blick in das Stadion in Felcsút © Steffen Dobbert

Ortswechsel: Gute vier Autostunden liegt das Dorf Tyukod von Budapest entfernt, die Straße führt immer Richtung Osten, bis ins Dreiländereck zwischen der rumänischen und ukrainischen Grenze. Von Felcsút bis hierher ist es ein weiter Weg, den "der König von Ungarn" nur selten auf sich nimmt.

"König", so nennt eine Bewohnerin Tyukods ihren Ministerpräsidenten, weil er ihr Land eben genauso regiere. Sie sagt das so, als wäre es normal, wischt nebenbei mit der Hand einige Sommerfliegen aus der Luft und ergänzt gleich zu Beginn der ersten Unterhaltung, sie wolle ihren Namen auf keinen Fall veröffentlicht sehen. Das wäre nicht gut für sie und ihr Leben im Dorf.

Seit sieben Jahren regiert Viktor Orbán Ungarn. In dieser Zeit hat er das Land verändert wie kein frei gewählter Politiker zuvor. Politologen sprechen von der Orbán'schen Autokratie, einer schleichenden Transformation hin zu einer Diktatur. Er hat die Demokratie in Ungarn nicht abgeschafft, aber verändert. Ihre wichtigsten Elemente werden mittlerweile in weiten Teilen von Orbán und seiner Fidesz-Partei kontrolliert: die Medien, die Gerichte, die Universitäten. Der beunruhigende Staatsumbau, den die nationalkonservative Regierung in Polen gerade gegen alle Kritik durchzieht, hat sein Vorbild in Ungarn. Schon 2011 ließ Orbán das oberste Gericht seines Landes abschaffen, um es mit einer neuen Institution zu ersetzen. Dadurch konnte er die alten Richter ab- und neue, loyale Juristen einsetzen. Die Frau aus Tyukod sagt, sie wohne und arbeite seit Jahren im "System Orbán". Es sei in ihrem Leben zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Und wie funktioniert dieses System? Es habe viele Auswüchse und Verbindungen, die bis hinunter auf die kleinsten Dorfstraßen des Landes reichen, sagt sie. Nur König Viktor stehe über allem. Dann zeigt sie auf einen Turm am Rande ihres Dorfes.

62 Stufen muss man hinaufsteigen, um auf einen der Aussichtstürme von Tyukod zu gelangen. Oben geht der Blick ins Unendliche: Himmel, Felder, Dorfwiesen. Einige hundert Meter weiter sind die Umrisse des nächsten Turmes zu erkennen. Die hölzernen Konstruktionen könnten Hochsitze für Jäger sein oder Aussichtsbalkone für Touristen. Doch weder ein Jäger ist in Sicht, noch haben sich je Touristen hierher verirrt.

Einer von elf Türmen in Tyukod im Osten Ungarns © Steffen Dobbert

Alle paar Kilometer haben die Bewohner Tyukods einen Turm gebaut, den niemand braucht. Jeder Zimmerer aus der Region erstellt ein solches Holzgestell für wenige Tausend Euro, sagt die Anwohnerin. Die EU habe für eine solche einfache Holzkonstruktion jedoch 24,5 Millionen Forint in die ungarische Provinz überwiesen, umgerechnet etwa 80.000 Euro, das Zehnfache des Wertes.

Über die Struktur- und Kohäsionsfonds der EU für Landwirtschaft und Regionalpolitik hat das ungarische Agrarministerium die Mittel beantragt. In Tyukod stehen deshalb nun elf Aussichtstürme im Umkreis von wenigen Kilometern, für deren Bau insgesamt 880.000 Euro flossen. Die Förderung der EU bezog sich auf "Gemeinwohleinrichtungen in Ungarns Wäldern", sagt ein Mann, der beim Bau beteiligt war und die Förderanträge vor sich liegen hat. Die meisten Hochsitze stehen allerdings kilometerweit vom nächsten Wald entfernt.

Um europaweit Misswirtschaft und Geldverschwendung zu vermeiden, gilt in der EU das Subsidiaritätsprinzip. Es besagt, dass staatliche Aufgaben soweit wie möglich von der untersten Ebene wahrgenommen werden sollen. Nicht die weit entfernten Brüsseler Behörden sollen über lokale Probleme entscheiden. Ungarische Beamte müssten dies ja besser können. Wer weiß sonst, wie viele Aussichtstürme ein Dorf wie Tyukod braucht? Soweit die Theorie.

Das Subsidiaritätsprinzip funktioniert in der Realität allerdings nicht, wenn EU-Gelder veruntreut werden. Orbáns Ministerien und Parteifreunde auf lokaler Ebene entscheiden oft nicht im Interesse der Allgemeinheit. Sie entscheiden, um das System Orbán zu stärken. Denn dieses System braucht Geld, um seine vielen Unterstützer zufrieden zu stellen. Es basiert auf Steuergeld und einer kurzen Erzählung: Für alles Schlechte wird in Ungarn die EU verantwortlich gemacht. Das Gute, das daneben im Alltag der Ungarn noch bleibt, ist der Verdienst Orbáns.