Mehr als 1.300 Vertragsverletzungsverfahren hat die EU mittlerweile gegen Ungarn eingeleitet. Allein im vergangenen Jahr ermittelte das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in 13 großen Fällen. Jedes mal kam das Land jedoch ohne eine Einschränkung der Mitbestimmungsrechte oder eine zukünftige Kürzung der Hilfsgelder davon. In der EU-Kommission heißt es deshalb, Orbán sei der cleverste Nationalist innerhalb der Union. Seine Berater wüssten ziemlich genau, wie das EU-Recht ohne Konsequenzen zu umgehen und die Vorteile der Union zu nutzen sind.

Ungarn erhält die höchste Pro-Kopf-Unterstützung in der gesamten Union. Etwa 30 Milliarden Euro sind in den vergangenen sieben Jahren aus dem EU-Haushalt nach Ungarn überwiesen worden. Die Förderungen entsprechen jährlich fast viereinhalb Prozent des ungarischen Bruttoinlandsprodukts. Keines der anderen 27 EU-Mitgliedsländer profitiert in dieser Hinsicht mehr.

Auch Orbáns Familie nutzt die Unterstützung aus Brüssel. Sein Schwiegersohn, der mit einer Firma Straßenbeleuchtungen erneuert, soll EU-geförderte Bauaufträge angenommen haben. Orbáns Bruder soll für seine Technologiefirma EU-Fördergelder erhalten haben. Gleichzeitig ist in ländlichen Gegenden wie in Tyukod Orbáns Partei mit ihrem Anti-EU-Kurs die unumstrittene Nummer eins. Eine wichtige Botschaft der Partei lautet: Ohne EU würde es Ungarn besser gehen. Gegen die Flüchtlingspolitik der EU organisierte die Regierung im vergangenen Sommer gar eine Volksabstimmung, klagte vor dem Europäischen Gerichtshof und erklärte das Urteil für politisch motiviert. Subtext der Kampagne: Die EU lockt mit Vorsatz kriminelle Flüchtlinge nach Europa.

Dass viele Ungarn diese Erzählung glauben, hat mit ihrer häufigen Wiederholung, das wiederum mit Orbáns Wandel vom liberalen Reformer zum Rechtspopulisten zu tun. Bevor Ungarn im Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Union wurde, war er schon einmal Ministerpräsident, von 1998 bis 2002. Damals regierte er weniger autoritär und bereute es danach. "Vaterlandsverräter" nannte er nach seiner Wahlniederlage 2002 die triumphierenden Liberalen und Sozialisten. Er drohte ihnen und prophezeite, aus seinen Fehlern zu lernen. Die Heimat könne nicht in die Opposition gehen, sagte Orbán. Mit Heimat meinte er sich und seine Partei.

Der Zug, der in Felcsut vom Stadion in den Wald fährt. © Steffen Dobbert

Dienstagabend in Tyukod an der Bar: Hier spreche man gewöhnlich nicht viel über Politik, sagt der Wirt, der in einem garagenähnlichen Schuppen hinter einem selbst gezimmerten Tresen steht. Die meisten Bewohner verfolgten die Berichterstattung in den Staatsmedien und dächten sich ihren Teil. Die zentrale Botschaft der Regierung scheint in der Dorfgemeinschaft angekommen zu sein: Eine junge dunkelblonde Frau, die in Wodka eingelegte Gummibärchen isst, beklagt sich über die vielen Flüchtlinge in Europa. Dass das alles nicht besser werde, sagt sie, liege vor allem an der Unterdrückung Ungarns durch die Europäische Union. Sie schaut raus auf die Straße vor der Bar, auf der keine Menschenseele zu sehen ist.

Je später der Abend, desto lauter das Lachen in der Bar und desto heftiger die Empörung: über die "Flüchtlingsmassen", die nach Ungarn kommen, nur "weil die EU sie einlädt", über die "Bürokratenschweine in Berlin und Brüssel" und über die "Entchristianisierung Ungarns". Vieles klingt wie auf Parteiveranstaltungen der Fidesz. Über Orbán sagt ein Mann, der mit einem Moped die Dorfstraße entlang zur Bar gekommen ist und so alt ist, dass er den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat, dass "König Viktor" immer wisse, was er tut. Das zeichne einen echten Mann aus.