Wenn US-Außenminister Rex Tillerson dem nordkoreanischen Regime signalisiert: "Wir sind nicht euer Feind" – dann ist das vielleicht der vorsichtige Versuch, einen Handlungsspielraum für Diplomatie zu eröffnen. Eine verbale Deeskalation nach zahlreichen Atomversuchen, Raketentests und Drohungen gegen Washington, dennoch verbunden mit der klaren Einschätzung: "Wir sind keine Bedrohung für euch, aber ihr stellt eine unzumutbare Bedrohung für uns dar, auf die wir reagieren müssen." Ob das in Pjöngjang Gehör findet, sei dahingestellt. Fast ebenso relevant scheint in diesen Tagen die Frage, wer da überhaupt spricht: Was ist dieses "Wir" eines Außenministers wert in einer Regierung, an deren Spitze doch nur das große "Ich" des Präsidenten steht? Beide sprechen jedenfalls nicht für dieselbe Politik, ihre Differenzen sind offensichtlich.

Aus Tillersons Umfeld berichteten US-Medien zuletzt immer wieder, wie deshalb schon seit Wochen der Frust an ihm nage. Gründe dafür haben sich genug angesammelt. Tillersons und Donald Trumps (schwankende) Positionen deckten sich von Beginn an nicht genug, der Konflikt war eigentlich abzusehen. Die außenpolitischen Entscheidungen wurden in der Folge mehr denn je im Weißen Haus getroffen. Angefangen bei Personalfragen, für die Tillerson kaum freie Hand gelassen wurden, während hochkarätige Dossiers wie die Nahost-Diplomatie gleich in der Familie blieben: Trump-Schwiegersohn Jared Kushner soll das regeln. Und wenn Tillerson viel Kraft in seine Arbeit steckte, drohte schon der nächste Tweet oder die nächste großspurige Ansage des Präsidenten, mit der alles infrage gestellt würde.

Die Katar-Krise ist ein gutes Beispiel. Tillerson machte den Vermittler, per Telefon, per Flugzeug, direkt und über Bande. Schließlich sind sowohl die Saudis als auch die Kataris wichtige US-Verbündete. Der Außenminister hatte auch den Ernst der Lage erkannt, später hielt er fest, dass "wir gerade einen Krieg verhindert haben". Und das trotz heißblütiger Zwischenrufe Trumps, mit denen der sich voreilig auf die Seite Saudi-Arabiens stellte – ohne Not und wohl auch ohne größere Kenntnis der Hintergründe. Der Präsident wetterte gegen Katar als "Finanzierer von Terrorismus auf einem sehr hohen Level", das Außenministerium stellte dagegen zur Debatte, den Saudis könne der Terrorismusvorwurf nur als Deckmantel für einen lange schwelenden Groll dienen – was der Realität deutlich näher kommt.

Was Nordkorea angeht, sind die Äußerungen Tillersons und Trumps ebenso wenig in Einklang zu bringen. Der Präsident hatte bislang schon immer eher mit Härte auf die Provokationen des Regimes reagiert. Seine Haltung dürfte sich kaum geändert haben. "Es wird einen Krieg mit Nordkorea wegen des Raketenprogramms geben, wenn sie weiterhin versuchen, Amerika mit einer Interkontinentalrakete zu treffen", resümierte der republikanische Senator Lindsey Graham nun nach Gesprächen mit Trump: "Er hat es mir gesagt und ich glaube ihm." Und während der Präsident weiter gegen Nordkoreas Verbündeten China ätzt, der zu wenig für eine Ende der Krise tue, versucht der Außenminister einmal mehr, die Regierung in Peking zu beruhigen und einzubinden. Den letzten dieser Versuche hatte Trump noch direkt vor einem Treffen chinesischer und amerikanischer Diplomaten in Washington per Tweet als gescheitert erklärt.

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Tillersons Beschwichtigungen und das Angebot, man sei weiterhin zu Gesprächen bereit, wenn die nordkoreanische Führung akzeptiere, dass sie abrüsten müsse, schließen eine militärische Reaktion natürlich nicht aus. Womöglich versteht er sich als good cop, der neben dem tösenden Trump zumindest theoretisch für Diplomatie zuständig wäre: Wenn ihr reden wollt, kommt zu mir. Aber angesichts der immer wieder zutage tretenden Differenzen hat dieses Modell ein schweres Glaubwürdigkeitsproblem. Da kann Tillerson noch so sehr betonen, die Regierung in Washington strebe nicht den Zusammenbruch des Regimes an und suche keinen Vorwand für eine militärische Intervention. Die geplanten Budgetkürzungen, Umstrukturierungen und unbesetzten Stellen im Außenministerium sprechen jedenfalls auch nicht dafür, dass der Diplomatie in dieser Regierung eine entscheidende Rolle zugestanden wird. Vielleicht nicht einmal von Tillerson selbst.

So ist der Eindruck nicht zu vermeiden, das alles könne dem 65-jährigen früheren Ölmanager sicher nicht mehr lange Freude machen – wenn das überhaupt je sein Antrieb war. Der Job an der Spitze von Exxon, räumte Tillerson schon vor Wochen ein, sei leichter gewesen als die Politik. In der vergangenen Woche hatten sich die Rücktrittsgerüchte ("Rexit") um den Außenminister bereits so weit verselbstständigt, dass sie dementiert werden mussten – mehrfach von Sprechern, am Dienstag dieser Woche dann auch von Tillerson selbst: "Der Präsident hat immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er Vertrauen in mich hat. Wir haben eine gute Beziehung zueinander." Er werde bleiben, "solange der Präsident mich lässt". Dessen Loyalität aber haben schon andere gleichsam über Nacht verloren.