Nehmen wir mal an, die Weltlage sieht ungefähr so aus: Amerika will nicht mehr. Die Supermacht, die bisher wie keine andere für das westliche Freiheitsversprechen stand, ist ausgelaugt. Sie will nicht mehr der Hegemon sein, der anderen Gemeinschaftsgüter wie Sicherheit, Stabilität, Freihandel bereitstellt. Denn das alles zahlt sich nicht mehr aus.

Warum für die Sicherheit Europas zahlen, wenn die EU genauso reich ist wie die USA? Warum noch versuchen, irgendwo auf der Welt Freiheit und Demokratie zu befördern, wenn die Ergebnisse Irak, Afghanistan und Libyen heißen? Warum die Globalisierung vorantreiben, wenn China Arbeitsplätze und Wohlstand aus Amerika absaugt?

Was da im Gobalgefüge gerade wegbricht, ist eine mächtige Nation, deren freiheitliches Sendungsbewusstsein zwar oft in Exzessen der Selbstüberschätzung gemündet ist, die aber die Welt im vergangenen Jahrhundert tatsächlich freier gemacht hat.

Wer das für Romantik hält, der stelle sich vor, wir schrieben das Jahr 1917, und es gäbe keinen Woodrow Wilson. Seine optimistische Vision "to make the world safe for democracy" schien mit Verspätung ab 1989 Wirklichkeit zu werden. Leider stürzte sich Amerika daraufhin in die optimistische Hybris vom "Ende der Geschichte" und des "unipolar moment". Die Wahl Donald Trumps beendete diese Ära, und zwar gründlich. Sie war eine klare Absage der Amerikaner an diesen viel zu teuer gewordenen Weltmachtwillen. Make America great again, das heißt übersetzt vor allem: Jetzt sind wir selber mal dran!

Derweil, und jetzt wird es richtig irre, streitet sich das Wahlkampf-Deutschland um die Frage, ob es eine Kultur hat. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil der Denkleistung, die gerade gebraucht wird. Denn leider steht diese Art von Selbstverleugnung symptomatisch für die "fundamentale deutsche Ich-Schwäche" (wie sie Jan Techau und Leon Mangasarian in einem lesenswerten Buch darlegen), die dazu führt, außenpolitisch lieber nichts zu wollen als womöglich etwas Falsches. Aus dieser bequemen, oft mit dem vermeintlichen Nazi-Gen begründeten Risikoscheue und seinem moralischen Sauberkeitszwang wird Deutschland herausfinden müssen.

Als ich vor gut zwei Jahren die Frage aufwarf, ob Angela Merkel die neue "Führerin der freien Welt" werden könnte, war mir schon klar, dass sie diesen Titel ebenso lächerlich finden würde wie die meisten Deutschen die Vorstellung, ihr Land könne eine solche Rolle ausfüllen. Geschenkt. Aber wer in der Welt derzeit einen besseren Kontinent für die erfahrbaren Vorteile von Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Demokratie, Freihandel, Diplomatie, ständiger mühsamer Völkerverständigung und Optimismus findet als Europa und innerhalb Europas einen dafür besseren Fackelträger als Deutschland, der hebe die Hand.

Deutschland, ob es möchte oder nicht, ist das Amerika Europas geworden, und Europa könnte zum Test dafür werden, ob sich Freiheitlichkeit und Demokratie am Ende nicht doch auszahlen, trotz und entgegen der politischen wie wirtschaftlichen Wachstumsraten des Autoritarismus.

In China gibt es einen wachsenden Mittelstand, der die Demokratie gar nicht kennenlernen will, weil viele Leute glauben, solchen Volksmanagementstress nicht zu benötigen, um ein Land zu bauen, in dem sie gut und gerne leben. Und in Amerika glauben immer weniger Menschen, dass es "essenziell" sei, in einer Demokratie zu leben. Laut einem berühmt gewordenen Aufsatz im Journal Of Democracy (The Signs Of Deconsolidation) halten 72 Prozent der vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Amerikaner es für wesentlich, in einer Demokratie zu leben. Unter den Millennials sagen das nur noch 30 Prozent.

Was gehört zur deutschen Kultur? Hoffen wir mal unter anderem das Folgende: Dass sich dieses Land wegen seiner Geschichte wie vielleicht kein anderes des Wertes der liberalen Demokratie bewusst ist und gleichzeitig ein empfindliches Frühwarngefühl gegenüber den Gefahren des Autoritarismus entwickelt hat. Auch diese Sensibilität haben wir unter anderem den Amerikanern zu verdanken. Ihre Reeducation hat bei manchen Allergien ausgelöst, die meisten aber gründlich geimpft. Es ist an der Zeit, etwas von dieser aufgesparten, von keinem Irak-Trauma angefochtenen Überzeugung zurückzustrahlen, oder, anders gesagt: diese Empfindlichkeit in ein eigenes Sendungsbewusstsein zu verwandeln.

Dabei wird dieses Land nicht so moralisch sauber bleiben können wie im letzten halben Jahrhundert – und billig wird es auch nicht werden. Aber, wie Wilson sagte: "No man has ever risen to the stature of spititual manhood until he has found that is is finer to serve somebody else than it is to serve himself." Etwas davon hat Deutschland schon an sich entdeckt in den letzten zwei Jahren. Es wird noch mehr von dieser Qualität brauchen.