In den Werkhallen einer Ventilatorenfabrik im US-Bundesstaat Missouri verkündete Donald Trump seine Prophezeiung. Bald, versprach der Präsident bei einer Rede am Mittwochabend, würden der amerikanische Lastwagenfahrer und der amerikanische Arbeiter wieder stolz ihre Familien ernähren können. 

Die schöne Geschichte vom Durchschnittsamerikaner, den Trump von seiner Depression befreien und ihm seine Würde wiedergeben möchte, war der rote Faden in Trumps Rede zu seiner geplanten Steuerreform. Diese Erzählung kennt man aus Trumps Wahlkampfs, darum kreiste seine America first-Rhetorik stets – und jetzt, während die Menschen in Texas und Louisina mit den Folgen von Sturm Harvey kämpfen, sah der Präsident den Zeitpunkt für gekommen, seine Kampagne für die Reform zu eröffnen. 

Sollte es eine strategischen Grund für das Timing gegeben haben, dann kann es bestenfalls der gewesen sein, dass die Steuerreform ob der Katastrophe von Texas ein wenig untergeht. Trumps Reformpläne bekommen in den US-Nachrichten weit weniger Aufmerksamkeit als sie normalerweise erhalten würden. Die Menschen blicken nach Houston, nicht nach Washington.  

Trump verspricht mehr Arbeitsplätze

Um Trumps Vorstellung einer besseren Steuerordnung für das Land allzu genau auf ihren Gehalt und ihre Plausibilität abzuklopfen, mangelt es den USA derzeit eindeutig an Aufmerksamkeit. Und so wurde Trumps populistische Mär von der Umverteilung des Reichtums an die Mittel- und Arbeiterschicht nicht so hinterfragt, wie das in weniger aufgeregten Zeiten vielleicht der Fall gewesen wäre. 

Viel zu analysieren gab es bei den skizzenhaft vorgetragene Pläne  jedoch auch nicht. Dem amerikanischen Arbeiter würden Trumps Ideen vermutlich nicht die geringsten Vorteile bringen, sagte der Demokrat Chuck Schumer: "Wenn der Präsident sich des Populismus bedienen möchte, um seine Steuerpläne zu verkaufen, dann sollte er vielleicht etwas anbieten, das nicht nur dem reichsten Prozent der Amerikaner nützt", sagte New Yorker Senator. "Das hat auf den durchschnittlichen Arbeiter nicht die geringsten Auswirkungen", sagte Michael Linden, Ökonom beim Roosevelt Institute der New York Times

Kern des Reformpakets, das Trumps Berater Steve Mnuchin und Gary Cohn in diesen Tagen dem Kongress vorstellen wollen, ist eine starke Senkung der Unternehmenssteuer. Die Unternehmenssteuer liegt laut Trump mit 35 Prozent höher als in jeder anderen Industrienation. Das habe zur Verlagerung von Fertigungsstätten ins Ausland sowie zur Kapitalflucht geführt. Mit einer Senkung auf 15 Prozent würden jedoch Unternehmen und Geld zurückkehren und in den USA Kaufkraft und Arbeitsplätze schaffen. "Das wird ein wunderbarer Anblick", sagte Trump. 

Experten glauben jedoch nicht, dass diese Rechnung aufgeht. Zum einen, heißt es in einem Bericht des Institute for Policy Studies (IPS), zahlen die wenigsten US-Unternehmen tatsächlich 35 Prozent. Dank verschiedenster Schlupflöcher im Steuerrecht zahlen profitable Firmen durchschnittlich 19,4 Prozent. Der Anteil der gezahlten Unternehmenssteuern am Bruttoinlandsprodukt beträgt gerade einmal zwei Prozent.