Wer erfahren will, wie es auf den Straßen der Türkei einmal aussehen könnte, muss zur İsmailağa Moschee im Istanbuler Viertel Fatih gehen. Die kleine Moschee aus rotem Ziegel und hellem Sandstein ist das Zentrum der İsmailağa Cemaati – einer besonders konservativen Sufi-Bruderschaft, die derzeit im türkischen Bildungssystem an Einfluss gewinnt. Am Nachmittag, wenn in der Koranschule nahe der Moschee der Unterricht endet, füllen sich die Straßen mit jungen Männern in langen Gewändern und bestickten Kappen. Die Älteren tragen Bart und weißen Turban, die Frauen schwarze Schleier. 

Die İsmailağa Cemaati ist eine der konservativen islamischen Bewegungen, mit denen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan derzeit Kooperationen schließt, um die Lücke im Bildungswesen zu schließen, die durch die Zerschlagung der Gülen-Bewegung entstanden ist. Die Bruderschaft des islamischen Predigers Fethullah Gülen war lange mit Erdoğans AK-Partei verbündet, bevor sich die beiden Männer 2013 überwarfen, woraufhin Erdoğan Hunderte Schulen, Wohnheime und Nachhilfeeinrichtungen der Gülen-Bewegung schließen ließ.

Der darauf folgende Machtkampf gipfelte im Juli 2016 im Putschversuch des Militärs, für den Erdoğan Gülen verantwortlich macht. Es folgte die Verhaftung und Entlassung Zehntausender echter oder vermeintlicher Gülen-Anhänger aus dem Staatsdienst sowie die Schließung der verbliebenen Einrichtungen der Gülen-Bewegung. Heute ist die Bruderschaft als Terrororganisation verboten und ihre Strukturen in der Türkei weitgehend zerschlagen.

Eigene Schulen und Zeitschriften

Svante E. Cornell findet es richtig, dass ihr Einfluss im Bildungswesen zurückgedrängt wurde. Der Türkei-Experte des Institute for Security and Development Policy in Stockholm sagt, die Gülen-Schulen seien zwar relativ fortschrittlich gewesen und ihre Absolventen recht gut auf die Herausforderungen der modernen Welt vorbereitet. Doch sei die Gülen-Bewegung "ein Kult mit einer versteckten Agenda, der von seinen Mitgliedern absolute Loyalität gegenüber dem Anführer verlangt".

Das Problem ist nur, dass nun weitaus konservativere Gruppen an die Stelle der Gülen-Bewegungen rücken. Selbst im konservativen Viertel Fatih fallen die Anhänger der İsmailağa Cemaati mit ihren Bärten, Turbanen und langen Gewändern aus dem Rahmen. Rund um die Moschee der sektenartigen Bewegung haben sich Schneider angesiedelt, die die Mäntel und Pluderhosen anfertigen, die außer von den Anhängern der Sufi-Bruderschaft in Istanbul sonst kaum getragen werden.

Die Buchläden an der Hauptstraße vor der Moschee verkaufen neben dem Koran vor allem die Werke von Mahmut Ustaosmanoğlu, dem Gründer der İsmailağa Cemaati, der über Jahrzehnte die gleichnamige Moschee geleitet hat. Der heute hochbetagte weißbärtige Geistliche vertritt in seinen Büchern eine Form des Islam, die nah an der sunnitischen Orthodoxie ist, und großen Wert auf persönliche Moral und die Einhaltung der Scharia legt.

So wie früher die Gülen-Bewegung unterhält die İsmailağa Cemaati eigene Schulen, organisiert Korankurse und publiziert Zeitschriften, um ihre Lehren zu verbreiten. Zudem vergibt sie Stipendien und betreibt Wohnheime für Studenten. Neben der İsmailağa Cemaati gibt es eine Reihe ähnlicher Bruderschaften wie die Malatyali und die Süleymancılar Cemaati, die sich ebenfalls mit Wohnheimen, Ferienlagern und Korankursen bemühen, die Jugend in den Werten des Islam zu erziehen.