Eigentlich wollte Theresa May diese Woche in Sachen Brexit die Zügel wieder in die Hand nehmen. Die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der EU laufen nämlich miserabel. London und Brüssel seien bisher in allen Kernfragen kaum vorangekommen, erklärte kürzlich EU-Verhandlungschef Michel Barnier. Ein großer Streitpunkt: das Geld. Wie viel Euro schuldet London der EU nach dem Austritt? Von einer einvernehmlichen Einigung sind Großbritannien und die EU gefühlt so weit entfernt wie am Tag des EU-Referendums vor 15 Monaten.

Warum also nicht neuen Schwung in die Gespräche bringen, dachte sich Theresa May. Am Freitag plant sie dafür eine große Rede in Florenz über den EU-Austritt. So weit, so gut. Nun ist ihr aber Außenminister Boris Johnson zuvorgekommen. Am Wochenende hat er einen 4.000 Wörter langen Artikel veröffentlicht. Der Titel: "Meine Vision für ein mutiges, florierendes Britannien, das der Brexit ermöglicht".

Der Text liest sich wie eine Ansprache. Johnson, der vor dem EU-Referendum prominenteste Vertreter der Vote Leave-Kampagne war, beginnt mit den Worten "Meine Freunde". Einige Beobachter glaubten wohl, dass es nicht zum Brexit kommen werde, schreibt Johnson dann. "Doch ich bin hier, um Euch zu sagen, dass dieses Land mit unserer neuen nationalen Unternehmung erfolgreich sein wird. Und wir werden mächtig erfolgreich sein." Johnson zählt auf, was die Briten an der EU gestört habe: die "immer mehr zunehmende Bürokratie", die angeblich mangelnde Flexibilität, um auf britische Wünsche einzugehen, und der Versuch, eine "einzelne politische Einheit" aus allen EU-Staaten zu schaffen.

Dann schreibt Johnson, Großbritannien solle nach dem EU-Austritt nichts für den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt zahlen. Und dann wiederholt er eine Kernbehauptung der Vote Leave-Kampagne, für die er damals reichlich Kritik einsteckte. Großbritannien werde sich nämlich nach dem Brexit "die Kontrolle über rund 350 Millionen Pfund pro Woche zurückholen". Es wäre doch eine "feine Sache", meint Johnson dann, "wenn viel von diesem Geld in den NHS gehen könnte". Gemeint ist Großbritanniens nationaler Gesundheitsdienst.

Kommt es zum Brexit-Showdown?

Am Montag legte der Daily Telegraph, in dem Johnsons Artikel erschienen ist, dann nach: Johnson werde von Theresa May noch diese Woche verlangen, dass sie sich auf keine milliardenschweren Zahlungen an die EU einlässt. Die Zeitung, die diese Information offenbar aus dem Umfeld des Außenministers zugespielt bekommen hat, spricht bereits von einem "Brexit Showdown".

Die Reaktion aus Downing Street auf Johnsons Vorstoß war auffallend mild. Und das, obwohl offenbar weder Theresa May noch andere Regierungsmitglieder von Johnsons Artikel vor dessen Erscheinen wussten. Kabinettsminister Damian Green, Mays de facto-Stellvertreter, spielte Johnsons Artikel herunter. Der Frage, ob Johnson nun geschasst werde, erteilte Green eine Absage. "Und der Grund dafür ist, dass er – wie der Rest des Kabinetts und wie die Premierministerin – nur möchte, dass das britische Volk den bestmöglichen Deal bekommt." Er habe den Artikel gelesen, und habe darin "nichts Überraschendes" gesehen. Johnson sei ein "Optimist".

Theresa May kritisierte Johnson bisher nur indirekt. Sie erklärte, die Regierung "werde von vorne angeführt" und das gesamte Kabinett gehe "in dieselbe Richtung". Direkt auf Johnsons Artikel angesprochen, sagte May nur: "Boris ist Boris."

Eine erstaunlich zurückhaltende Reaktion, wenn man bedenkt, dass Johnson die Autorität der Premierministerin öffentlich in Frage gestellt hat. Doch May scheut sich im Moment offenbar davor, Johnson trotz dieses Affronts zu entlassen. Ihre Sorge ist nicht unberechtigt: Schließlich lässt Johnson seit Jahren keinen Zweifel daran, dass er eines Tages selbst Premierminister werden möchte. Offenbar befürchtet May, dass Johnson sie direkt angreifen könnte, wenn sie ihn entlässt.

Der Zeitpunkt, den sich Johnson für seinen Vorstoß ausgesucht hat, ist kein Zufall. In zwei Wochen findet der alljährliche Parteitag der Tories statt. Der Independent zitiert in einem Bericht "hochrangige konservative Abgeordnete" mit den Worten, Johnson habe May dazu aufgefordert, ihn zu entlassen. Und dass Johnson sich mit dem Artikel gegenüber Brexit-Hardlinern profilieren und als möglicher Nachfolger Mays empfehlen wollte.