In Deutschland kam es ja auch mal einigermaßen gut an, als einer meinte, ein Steuerkonzept müsse auf einen Bierdeckel passen. Den Populismus konnte man durchgehen lassen, weil hinter der Idee ernstzunehmender Sachverstand vorhanden war. Mit ähnlich einfachen Versprechen, bloß ohne das Fachwissen, hatte US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf seine mäßig verdienende Basis heißgemacht: Innerhalb der ersten 100 Tage im Amt werde er eine mächtige Reform umsetzen – so groß wie seit Reagan nicht mehr – und allen werde es schnell besser gehen.

Es kam anders, wie bei vielen seiner großen Ankündigungen. Trotz republikanischer Mehrheit in beiden Kongresskammern war von Trumps Plänen lange nicht viel zu sehen, schon gar keine Details. Was das Weiße Haus dann Ende April – an Tag 97 – vorlegte, passte vielleicht nicht auf einen Bierdeckel, war aber mit rund 200 Wörtern weit entfernt von einer überzeugenden Vorlage für eine neue Steuergesetzgebung. Das große Versprechen ist geblieben, die Substanz steht bislang aus. An diesem Mittwochabend will Trump endlich liefern.

Es ist neben der Mauer zu Mexiko und der blindwütigen Zerstörung der Gesundheitspolitik seines Vorgängers Barack Obama sicher das Lieblingsprojekt dieses Präsidenten. Wenn das Grenzbauwerk überhaupt jemals Gestalt annimmt, wird es eher nicht daran liegen, dass die Mexikaner dafür nicht zahlen wollen. Und die Versuche, Obamacare aus der Welt zu schaffen, sind ebenso erfolglos wie zahlreich. So wird die Steuerreform für Trump das eine große Ding, das er jetzt wirklich durchziehen will. Den Erfolg braucht er mehr denn je, und er weiß, wer ihm einmal mehr die Tour vermasseln kann: "Ich möchte vom Kongress nicht enttäuscht werden, versteht ihr?", sagte der US-Präsident in einer, wenn man so will, steuerpolitischen Grundsatzrede Ende August.

Wer soll das eigentlich bezahlen?

Trumps Ziele sind dabei folgende: Insbesondere mittlere Einkommen will er entlasten; dazu sollen die Unternehmensteuern drastisch sinken, um im internationalen Wettbewerb besser aufgestellt zu sein; im Ausland versteuertes Vermögen soll mit Anreizen in die USA zurückgeholt werden – das alles soll ganz leicht werden, fair und mit einfachen Regeln, die jeder versteht. Ganz im Sinne des Bierdeckels: Trump will, dass für 95 Prozent der Amerikaner die Steuererklärung auf ein einzelnes Blatt Papier passt.

Oberste Priorität, das ließ sich schon im Wahlkampf nicht überhören, hat allerdings der Spitzensteuersatz auf Unternehmensgewinne. Er steht im Zentrum dessen, was Trump und viele Republikaner für die beste Wirtschaftspolitik halten: Sinkt die Steuerquote für die Unternehmen, können sie Arbeitsplätze in den USA erhalten und neue schaffen; sie investieren dann wieder kräftig, während mehr Jobs auch bedeuten, dass die Löhne steigen und die Menschen mehr konsumieren – die Wirtschaft zieht an, es geht auch den kleinen Leuten besser, so zumindest die Theorie. Unter Ökonomen herrscht weitgehend Konsens, dass es so eher nicht funktioniert, die Effekte jedenfalls nicht stabil und nachhaltig sind.

Zudem ist Trumps als "großartig" verkaufte Reform längst an der Realität geschrumpft, seit Monaten arbeiten das Weiße Haus und die Republikaner daran. Derzeit liegt die Unternehmensteuer bei maximal 35 Prozent: Von den 15 Prozent, die Trump versprochen hatte, spricht jedoch nur noch er selbst. Die New York Times berichtet aus offiziellen Kreisen, inzwischen seien 20 Prozent geplant. Denn selbst wenn man der Theorie folgt, die hinter der radikalen Senkung steht, bleibt das kurzfristige Problem: Wer soll das bezahlen?

Je nachdem wie die Steuersätze und weiteren Anpassungen im Detail ausfallen, ist mit Einnahmeausfällen zwischen drei und mehr als sieben Billionen Dollar in den kommenden zehn Jahren zu rechnen, schätzen Experten auf der Grundlage bisheriger Vorlagen. Mit einfacher Mehrheit (also ohne demokratische Abgeordnete überzeugen zu müssen) können die Republikaner die Reform nur dann verabschieden, wenn dadurch das Defizit im Haushalt nicht noch weiter vergrößert wird. Bei 15 Prozent Unternehmensteuer wäre das völlig unmöglich gewesen, selbst unter den optimistischsten Wachstumserwartungen. Im Übrigen wären die Regelungen ohne ausgeglichenen Haushalt auch nur temporär einzuführen – keine sichere Planungsgrundlage für Unternehmen, die über langfristige Investitionen nachdenken.

Das Scheitern wird Trump nicht verantworten

Wie bei jeder größeren Steuerreform wird es Gewinner und Verlierer geben. Und die zentrale Frage von politischer Brisanz für Trump wie für die Republikaner wird sein, welche Balance sie finden. Der Verdacht, es gehe ihnen vor allem darum, die wohlhabenden Freunde des Präsidenten und der Partei zu begünstigen, besteht mit einigem Recht – da kann Trump noch so sehr beteuern, er wolle der Mittelschicht helfen und die Reichen würden "ziemlich genau da enden, wo sie jetzt sind", oder sogar mehr zahlen.

Ob der "kleine Mann", zu dessen Anwalt sich Trump so gern aufschwingt, zu den Gewinnern oder Verlierern gehört, wird zumindest nicht auf den schnellen ersten Blick zu sehen sein. Die privaten Steuerzahler sollen nach letztem Stand künftig in drei statt sieben Stufen besteuert werden, wobei der Spitzensatz sinken würde, der Einstieg jedoch höher erfolgen könnte, abgefedert durch höhere Abschreibungen. Trump wird das alles vorerst einen grandiosen Erfolg nennen und den Jubel seiner Anhänger erwarten.

Doch der Präsident, so heißt es, werde auch an diesem Mittwoch nicht allzu sehr in die Details vordringen und dem Kongress noch viel Arbeit überlassen. Womöglich gibt es da einen Zusammenhang, denn diese Strategie zieht sich durch seine gesamte Amtszeit: Die Abgeordneten seiner Partei sieht Trump im Grunde als Untergebene, die seine Pläne umzusetzen haben – und wenn ein gemeinsames Projekt scheitert oder bad ratings bekommt, liegt die Schuld daran ausschließlich bei ihnen. Er wollte ja die 15 Prozent, er wollte mehr für die Abgehängten tun …