Emmanuel Macron tanzt gerade auf allen Hochzeiten. Am Dienstag stapfte er durch die Ruinen, die Hurrikan Irma auf der französischen Karibikinsel Saint-Martin hinterließ. Mittwoch ließ er bei der Vollversammlung des Olympischen Komitees in Lima per Videobotschaft verkünden: "Das ganze Land steht hinter den Spielen." Und tatsächlich erhielt Paris in Lima den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2025. Am Freitag nun empfängt Macron in Paris den Staatschef von Katar, Scheich Tamin Al-Thani.

Dabei freut sich der Präsident nicht nur, dass Frankreich das erste Land ist, das Al-Thani seit Beginn der Katar-Krise besucht. Zugleich begegnet er nämlich dem Mann, der es erlaubt hat, dass die katarischen Manager des Pariser Fußballvereins Paris Saint-Germain Hunderte von Millionen Euro in den Ankauf von Spielern wie den Brasilianer Neymar investierten – ein Thema, das Frankreich in diesem Sommer mehr beschäftigte als viele andere.

So handelt Macron scheinbar an allen Fronten, lässt nichts aus. Aber zugleich wird Kritik laut: Der Präsident erinnere im Stil an seinen unbeliebten Vorvorgänger Nicolas Sarkozy. Den nannte man den "Hyperpräsidenten", weil er einen grenzenlosen, aber ineffektiven Aktivismus verbreitete.

Von solcher Kritik aber will man im Ély­sée-Pa­last naturgemäß nichts hören. Macron beschäftigten zwei Dinge: der "Umbau Frankreichs und der Umbau Europas", heißt es im Umkreis des Präsidenten. Der Umbau Frankreichs habe erfolgreich begonnen. Der Umbau Europas könne erst nach den deutschen Wahlen ernsthaft in Angriff genommen werden.

Stimmt das so? Tatsächlich ist Macrons Arbeitsmarktreform nahezu abgeschlossen. Sie soll am Monatsende in Kraft treten und wird den Arbeitgebern Entlassungen und Arbeitszeiterhöhungen extrem erleichtern. Als am Dienstag dieser Woche zwischen 200.000 und 500.000 Demonstranten (je nach Angaben von Polizei oder Veranstaltern) gegen das neue Gesetz protestierten, war das dem Präsidenten kaum eine Reaktion wert. Er ließ bereits die nächste Reform verkünden: Die Senkung der Kapitalertragssteuern von bis über 60 Prozent auf pauschal 30 Prozent im kommenden Jahr und die Reduzierung der Gewinnsteuern der Unternehmen von 33 Prozent auf 25 Prozent innerhalb von vier Jahren.

Die Linke muss warten

Damit gleicht Frankreich diese Steuern dem europäischen Durchschnitt an, um wieder mehr Kapital und Investitionen ins Land zu holen. Sprich: Auch mit dieser Reform zeigt sich der linksliberale Macron von seiner liberalen Seite. Die Linke muss warten, und wird es, wie es aussieht, innenpolitisch noch lange tun. Denn demnächst stehen Maßnahmen auf dem Regierungsprogramm, die die Ansprüche von Beamten, Rentnern und Eisenbahnern abbauen sollen.

Vertröstet wird die Linke deshalb mit dem zweiten Umbauprojekt, der Europapolitik. Da hielt Macron zuletzt in Athen eine große Rede auf die Wiederbelebung der europäischen Demokratie. Konkret forderte er ein Parlament für die Eurozone, das in Zukunft einen Eurozonen-Haushalt über mehrere hundert Milliarden Euro kontrollieren soll. Damit wäre dann den Krisenländern in Europa zu helfen. Aber auch eine europäische Arbeitslosenversicherung ist bei regierungsnahen Pariser Ökonomen im Gespräch. Alles eher linke Projekte, die jedoch Luftschlössern gleichen, solange Macron dafür außerhalb Frankreichs keinen Rückhalt findet, nicht zuletzt in Berlin.

Auf kurze Sicht kommen deshalb Rettungsmanöver in der Karibik, olympische Erfolgsnachrichten und katarische Fußballinvestition in Paris dem Präsidenten sehr gelegen: Sie lenken davon ab, dass sein innenpolitischer Reformkurs unausgeglichen ist. Dieser trifft vor allem die schlechter Verdienenden, denen es in Frankreich bisher relativ gut geht. Sie haben Angst vor Entlassungen, andere weniger. Langfristig aber kann das Macron nur wettmachen, wenn er dem Land insgesamt mehr Hoffnung auf Wachstum und demokratische Entwicklung macht. Dazu dient ihm die Baustelle Europa. Er wird auf ihr bald den gleichen Aktivismus entfalten wie anderswo auch.

Er kämpfe gegen "Faulenzer, Zyniker und Extremisten", sagte Macron vergangene Woche in Athen. Das drehten die Pariser Demonstranten am Dienstag um: "Macron, du bist verloren, die Faulenzer sind auf der Straße!" riefen sie. Macron konterte, indem er diejenigen als Faulenzer bezeichnete, "die sich nicht bewegen wollen". Das schloss die anderen Europäer, auch die Deutschen, ausdrücklich ein.