"Der europäische Universalismus wird seit zehn Jahren von einem europäischen Bürgerkrieg bedroht", sagte Macron in einer programmatischen, philosophischen und in weiten Teilen auf die deutsch-französische Freundschaft zielenden Rede. Er sprach im Pariser Rathaus aus Anlass der Feiern der französischen Protestanten zum 500. Reformationsjubiläum.

Macron forderte eine "Versöhnung Europas im Geiste des Projektes, das es in sich trägt". Er versprach, dass sich Frankreich des deutschen Umgangs mit Flüchtlingen anpassen werde. Der französische Staatschef kritisierte die bisherige Praxis seines Landes und sagte: "Ich will, dass Frankreich und Deutschland, was die Flüchtlingsaufnahme betrifft, sich näher kommen."

Seine Äußerungen kommen vor einer mit Spannung erwarteten "Europainitiative" Macrons, deren konkrete Inhalte er am kommenden Dienstag in der Pariser Sorbonne vortragen will. Macron hatte betont, dass er mit Vorschlägen für eine Reform von Europäischer Union (EU) und Eurozone bis zum Ergebnis der deutschen Bundestagswahlen warten will. Das war als bewusste Zurückhaltung gegenüber dem deutschen Wahlkampf zu verstehen.

Doch offenbar wird Macron jetzt nervös. Französischen Zeitungsberichten zufolge fürchtet er ein zu starkes Abschneiden der deutschen Liberaldemokraten (FDP), die sich gegen seine schon bekannten Vertiefungspläne für EU und Eurozone ausgesprochen haben. Insbesondere Macrons zuletzt in einem Interview angedeutete Vorstellung, die Eurozone mit einem dreistelligen Milliardenhaushalt auszustatten, stieß in Deutschland weit über die FDP hinaus auf Kritik.

Dramatische Beschreibung Europas

Macrons Rede zum 500. Reformationsjubiläum bot deshalb Gelegenheit, sich der deutschen Kritik noch vor den Bundestagswahlen zu stellen – zumal der Protestantismus, dem in Frankreich nur zwei Prozent der Bevölkerung folgen, aus französischer Sicht in Deutschland beheimatet ist.

Macron tat dies einerseits mit der Umarmung der deutschen Flüchtlingspolitik, andererseits mit einer dramatischen Lagebeschreibung Europas, die seine geplanten Reformen rechtfertigen sollte. Dabei erklärte er auch seine eigene politische Methode, die er protestantischer Tradition entnahm: "mit Kontroversen einen Konsens bauen", empfahl er und verlangte "die Fähigkeit mit allen Unterschieden zusammenzuhalten". Immer wieder zitierte er den französischen protestantischen Philosophen Paul Ricœur, dem er vor Jahren einst als Assistent gedient hatte und seinen "Meister" nannte. Ricœur habe gefordert, "Kontroversen in einer bewusst empfundenen Brüderlichkeit zu erschaffen". Dabei zielte Macron mit Ricœurs Worten ganz offensichtlich auf sein Verständnis der deutsch-französischen Freundschaft.

Er sagte damit auch: Die deutsch-französischen Kontroversen stehen noch bevor. Ganz unabhängig von der Sache ließ Macrons in langen Strecken improvisierte, mit tosendem Applaus begrüßte Rede vor dem Hintergrund des rhetorisch eher Höhepunkt-armen deutschen Wahlkampfes erahnen, welche Welten da nach der Wahl aufeinandertreffen werden.