Als Jeremy Corbyn den Saal in Brighton betritt, bricht großer Applaus aus. Die Teilnehmer des Labour-Parteitages in der Küstenstadt südlich von London springen auf, viele von ihnen jubeln. Der Labour-Vorsitzende, der den Parteitag gleich mit einer Rede beenden wird, schüttelt Hände und arbeitet sich langsam zur Bühne vor. Dort angekommen, stimmt die Menge den "Oh, Jeremy Corbyn"-Sprechchor an, der mittlerweile überall zu hören ist, wo der 68-Jährige auftaucht. Corbyn steht auf der Bühne und wirkt ergriffen. So, als könne er gar nicht fassen, was da gerade mit ihm passiert.

Denn noch vor wenigen Monaten sah es bei Labour völlig anders aus. Corbyns Partei lag in Umfragen scheinbar aussichtslos hinter den regierenden konservativen Tories. Der Großteil der Labour-Abgeordneten schien bereits an einer Zukunft ohne ihren Parteichef zu arbeiten. Auch die britischen Medien kritisierten ihn hart: Corbyn sei zu links, zu gestrig, zu wirtschaftsfeindlich, zu dogmatisch. Er wurde gerne als trotteliger Idealist dargestellt, der nicht verstanden hat, wie die Welt im 21. Jahrhundert funktioniert.

Seitdem hat sich fast alles verändert.

Der Großteil der Abgeordneten steht heute geschlossen hinter ihrem Parteichef, in der Basis ist er sowieso immens beliebt. Selbst der ansonsten so Corbyn-kritische Economist findet zaghaft lobende Worte für ihn – und hat ihn erst kürzlich als "wahrscheinlich nächsten Premierminister" bezeichnet. Auch bei den Buchmachern des Landes gilt Corbyn mittlerweile als Favorit.

Ein Regierungswechsel scheint vorstellbar

Den Umschwung hat Corbyn Premierministerin Theresa May zu verdanken, die im April vollkommen überraschend vorgezogene Neuwahlen ausgerufen hatte. May wollte die Schwäche der Opposition nutzen, um im Parlament jeglichen Widerstand gegen ihre Brexit-Pläne zu brechen. Corbyn nahm die Herausforderung an und tat das, was er am besten kann: Er bereiste das Land, besuchte Hunderte Wahlkampfveranstaltungen und diskutierte mit den Wählern. Theresa May stolperte unterdessen von einem PR-Desaster zum nächsten. Bei ihren wenigen Wahlkampfauftritten wirkte sie kühl und reserviert. Mays Manöver scheiterte, sie verfehlte die Mehrheit im Parlament und ist seitdem auf die Stimmen einer kleinen nordirischen Regionalpartei angewiesen

Rein rechnerisch betrachtet erscheint mittlerweile auch ein Regierungswechsel vorstellbar. Zwar fehlen Labour 64 Sitze für eine eigene Mehrheit. Doch die Oppositionsparteien zusammengenommen sind nur sieben Sitze von der Mehrheit entfernt. Die kleineren Parteien haben schon durchblicken lassen, dass sie eine von Labour getragene Regierung unterstützen würden.

Kippt der Parteitag die Premierministerin?

Viele Labour-Unterstützer sind daher gespannt auf den Parteitag der Tories, der am Sonntag beginnt. Dort könnte die Wut ausbrechen, die sich bei vielen Konservativen seit der Wahl aufgestaut hat. May ist Umfragen zufolge weiter äußerst unbeliebt; es gilt sogar als denkbar, dass ein oder mehrere Herausforderer versuchen, May ihren Premierministerposten streitig zu machen. Sollte es dazu kommen, müssten gerade einmal 48 konservative Parlamentsabgeordnete (von 316) May das Vertrauen entziehen, um eine Kampfabstimmung zu starten. Der Gewinner dieses Wettstreits würde nicht nur Mays Posten als Parteichef übernehmen; er würde auch automatisch Premierminister.

Selbst wenn May den Parteitag überstehen sollte, wird sie sich auf Dauer wohl kaum im Amt halten können. Schon jetzt bestimmen die Querelen innerhalb des Kabinetts das öffentliche Bild der Regierung. Und auch Mays Mehrheit im Parlament ist so knapp, dass sie schon bald wichtige Brexit-Abstimmungen verlieren könnte. Mays Regierung wäre damit so gut wie handlungsunfähig.