Trotz internationaler Kritik haben die Kurden im Nordirak in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abgestimmt. Gleichzeitig wächst die Sorge vor neuen Spannungen in der Region: Nach Schließung der Wahllokale teilte das türkische Militär mit, dass die Türkei und der Irak gemeinsame Militärübungen auf türkischem Territorium entlang eines Gebiets durchführen würden, das an die kurdische Autonomieregion im Irak angrenzt. Sie würden voraussichtlich am Dienstag beginnen. 

UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich besorgt über die möglichen Folgen der Abstimmung. Er befürchte potenziell destabilisierende Konsequenzen, teilte sein Sprecher mit. Guterres Ansicht nach sollten alle Konflikte zwischen der irakischen Zentralregierung und der Regionalregierung Kurdistans durch Dialog und konstruktiven Kompromiss gelöst werden. 

Vor der Abstimmung hatten die irakische Regierung und die internationale Gemeinschaft gefordert, das Referendum abzusagen. Sie befürchten, dass es infolgedessen zu Instabilität und gewalttätigen Ausbrüchen zwischen dem Irak und der Autonomregion Kurdistan kommen könnte. Nach Auffassung der irakischen Zentralregierung sei die Abstimmung nicht verfassungsgemäß. Vize-Präsident Nuri al-Malik bezeichnete das Referendum als eine Kriegserklärung an die Einheit des irakischen Volks.

Erdoğan nennt Referendum null und nichtig

Die USA als wichtige Verbündete der Kurden hatten sich ebenfalls gegen das Referendum ausgesprochen, weil sie den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefährdet sehen. Für diesen erhalten die Kurden auch militärische Hilfe aus Deutschland.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan nannte das Referendum "null und nichtig" und drohte mit einem Stopp des kurdischen Ölexports und einer militärischen Intervention im Nordirak nach dem Vorbild des türkischen Einmarschs in Syrien. Er verwies auf derzeit laufende Manöver der türkischen Streitkräfte entlang der Grenze zum Irak. 

"Wir könnten eines abends plötzlich da sein", sagte Erdoğan. Außerdem werde ein Grenzübergang zum Irak vollständig geschlossen. Der Nachbar Iran schloss laut offiziellen Angaben nach dem Luftraum auch die Landgrenze zu den Kurden-Gebieten. Die Türkei und der Iran fürchten Auswirkungen auf die Autonomiebestrebungen ihrer eigenen kurdischen Minderheiten.

In der kurdischen Hauptstadt Erbil feierten Menschen auf der Straße, obwohl bislang noch keine offiziellen Ergebnisse vorliegen. Diese werden am Dienstag erwartet. Rund drei Millionen Kurden waren dazu aufgerufen, über eine Loslösung vom Irak zu entscheiden. Beobachter vermuten, dass die Mehrheit für eine Unabhängigkeit gestimmt hat. Die Wahlbeteiligung lag nach offiziellen Angaben bei weit über 70 Prozent – vor manchen Wahllokalen bildeten sich den Tag über Schlangen. Die Abstimmung ist allerdings nicht bindend und dürfte in absehbarer Zukunft nicht zu einer tatsächlichen Unabhängigkeit Kurdistans führen. Von kurdischen Anführern der Unabhängigkeitskampagne wurde das Referendum aber als historisch herausgestellt.