Es mutet an wie eine Szene aus einem Kafka-Roman: Auf dem Schreibtisch von Xavier Fonollosa, Bürgermeister des Industriestädtchens Martorell, 30 Kilometer nordwestlich von Barcelona, liegen zwei sich widersprechende Briefe, und beide tragen einen offiziellem Amtsstempel. Im ersten Schreiben fordert der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont den Bürgermeister auf, das für den 1. Oktober angesetzte Unabhängigkeitsreferendum vorzubereiten. Im zweiten weist die spanische Regierung ihn ausdrücklich darauf hin, dass er das zu unterlassen habe, weil er damit geltendes Recht breche.

Der Bürgermeister zuckt die Schultern, zieht das Revers seines dunkelblauen Anzugs glatt und steckt sich eine Zigarette an. Fonollosa wird nur dem ersten Brief Beachtung schenken. "Seit vergangener Woche ist der einzige bindende gesetzliche Rahmen für mich der katalanische", sagt er mit spitzbübischem Lächeln.

Der Lokalpolitiker gehört der PdeCAT an, der wirtschaftsfreundlichen, konservativen Partei des ehemaligen katalanischen Ministerpräsidenten Artur Mas. Als Teil der Pro-Unabhängigkeit-Liste JuntsXSi hat sie Mitte vergangener Woche gemeinsam mit der linksradikalen CUP im katalanischen Parlament das umstrittene Referendumsgesetz durchgeboxt und dazu ein weiteres Gesetz, das den juristischen Übergang regelt. Zusammen ebnen die beiden Texte den Weg zur Volksbefragung und dann gegebenenfalls zu einem eigenen Staat der Katalanen. Sie erkennen den spanischen Rechtsrahmen explizit nicht mehr an und berufen sich stattdessen auf das internationale Völkerrecht und die katalanische Gesetzgebung.

Die spanische Zentralregierung wertet das als einen Staatsstreich der Legislative. Sie droht den Organisatoren des Referendums mit Geldstrafen bis zu 30.000 Euro. Keine Angst? Fonollosa lächelt wieder, noch ein wenig spitzbübischer, und schüttelt den Kopf.

Gigantisches Wahlkreuz auf den Straßen

Der 11. September ist der katalanische Nationalfeiertag: la Diada Nacional de Catalunya, oder einfach kurz: la Diada, der Feiertag. In diesem Jahr steht er im Zeichen der kalkulierten Rebellion. Das spanische Verfassungsgericht hat das Referendumsgesetz in einem Dringlichkeitsverfahren suspendiert, die Staatsanwaltschaft hat alle Vorbereitungen untersagt. Doch im katalanischen Fernsehen laufen weiter die Wahlspots, und auch der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont gibt sich ungerührt. Dem vorhersehbaren "Tsunami aus Klagen und juristischen Querelen" werde man mit einem "Tsunami der Demokratie" begegnen, sagt er.

Für die Großdemonstration anlässlich der Diada haben sich bereits 400.000 Menschen angemeldet. Vermutlich werden noch Zehntausende dazukommen. Um Punkt 17 Uhr 14 wollen sie an zwei zentralen Straßen der Stadt ein gigantisches Wahlkreuz bilden. Das Bild ist ebenso symbolisch wie die Uhrzeit: 1714 unterlag Katalonien im spanischen Erbfolgekrieg und verlor infolgedessen die Reste staatlicher Eigenständigkeit.

Die bis ins Detail inszenierten Performances der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung haben Tradition. Seit 2012 werden sie federführend von der katalanischen Unabhängigkeitsplattform Assemblea Nacional organisiert. Auch in diesem Jahr drängen sich Demonstrationsteilnehmer um die Verkaufstresen der Bürgerbewegung, wo neongelbe T-Shirts mit der programmatischen Aufschrift "Ja" feilgeboten werden. Ein Mann ersteht gleich drei davon, für sich und zwei Freunde. "Das wird die wichtigste Diada überhaupt", sagt er. "Wir müssen der Welt beweisen, dass wir eine friedliche und zivile Bewegung sind."

Die Friedfertigkeit ist das große Kapital der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. In diesem Jahr ist sie wohl wichtiger denn je, denn nur wenn man vor der Weltöffentlichkeit als standhafter Verfechter der Demokratie besteht, hat das umstrittene Referendum überhaupt eine Chance auf internationale Resonanz. Sein rechtlicher Rahmen nämlich ist nicht nur wegen des Gegenwinds aus Madrid strittig. Das Gesetz beruft sich lediglich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker – das aber gilt nach gängiger Rechtsprechung lediglich für ehemalige Kolonien oder für Volksgruppen, deren Mitglieder nachweislich allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit unterdrückt werden.