"Bleib da sitzen, wo du bist. Du hast doch schon Geld und Öl", forderte Recep Tayyip Erdoğan den Präsidenten der Kurden im Nordirak, Massud Barsani, auf. "Sei ruhig, du bist doch auch schon an der Spitze des Nordirak. Wie bitte, es soll also ein unabhängiger Staat werden. Hast du das mit uns und dem Iran abgesprochen? Nein", sagte der türkische Staatspräsident am Donnerstag vor Absolventen einer Polizeiakademie.

Aus dem Iran waren die Vorwürfe nach dem umstrittenen Referendum im Nordirak nicht minder deutlich: Barsani sei ein "Mittelsmann für Zionisten" und "wir werden kein zweites Israel akzeptieren", sagte Ali Akbar Welajati, Berater von Irans geistlichem Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Die Drohungen waren schon zuvor eindeutig gewesen: Im iranischen Außenministerium war von einem "falschen, provokativen und inakzeptablen" Vorgehen die Rede, das eine nicht tolerierbare, "klare Verletzung der territorialen Integrität und der nationalen Souveränität des Irak" darstelle.

Die Sorge, der Unabhängigkeitskampf der nordirakischen Kurden könne einen Dominoeffekt bei den Kurden daheim auslösen, hat zu einer bemerkenswerten Annäherung zwischen dem schiitischen Iran und der sunnitischen Türkei geführt. Je näher das Referendum rückte, desto stärker zeichnete sich ein iranisch-türkischer Frühling ab.

Schon seit Jahrhunderten sind die Regionalmächte Iran und Türkei im Nahen Osten Rivalen. Der Iran sieht sich als Schutzherr aller Schiiten, die Türkei vor allem als Schutzmacht der Sunniten. Auf den Kampf gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staats" (IS) blickten die Länder also mit unterschiedlichen Vorzeichen. Im Syrien-Krieg stehen der Iran und die Türkei sogar auf verschiedenen Seiten: Teheran unterstützt gemeinsam mit Moskau den syrischen Diktator Baschar al-Assad, Ankara hingegen dessen Gegner. Noch Mitte Februar sagte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuþoðlu: "Das iranische Regime steckt hinter einigen Ereignissen und hinter der Instabilität der Region. Seine sektiererische Politik untergräbt die Sicherheit vieler arabischer Staaten am Persischen Golf, zum Beispiel in Bahrain oder Saudi Arabien."

Beide Staaten begründen ihre Einmischung in den Nachbarländern Irak und Syrien historisch: Bis vor 100 Jahren gehörten die Gebiete des heutigen Irak und Syriens zum persischen und zum osmanischen Reich. "Warum wundern sich manche, dass wir in Mossul Truppen haben? Die Stadt gehörte der Türkei!", sagte Erdoğan bereits im vergangenen Jahr. Im Irak leben außerdem Hunderttausende Turkmenen, die immer wieder zwischen die Fronten geraten, wenn arabische und kurdische Iraker um Macht kämpfen. Tausende sind bereits vor Massakern in die Türkei geflohen. Aus Ankara heißt es, man werde niemals zulassen, dass die Turkmenen Kirkuks Opfer einer ethnischen Säuberung würden. Der Vorsitzende der türkisch-nationalistischen Oppositionspartei MHP, Devlet Bahçeli, erklärte kürzlich: "Kirkuk ist türkisch." Am Rande der UN-Vollversammlung Mitte September warnte auch Erdoğan, "diese Territorien gehören nicht nur den Kurden".

Kraftprobe nicht nur mit Bagdad

Ein gemeinsames Interesse lässt den Iran und die Türkei nun mit Angst auf die Entwicklung im Irak blicken: Beide Länder sehen den Kampf der nordirakischen Kurden um die Anerkennung ihrer Identität als Bedrohung für die nationale Einheit. Rund 15 Millionen Kurden leben in der Türkei, deren Existenz jahrzehntelang verleugnet, ihre Sprache verboten und jegliche kurdische Autonomiebestrebung unterdrückt wurden. Mehr als 40.000 Menschen wurden in dem Konflikt getötet, zuletzt scheiterte 2015 eine Initiative zur Beilegung. Im Iran wurde 1946 eine kurdische Republik zerschlagen, bis heute kämpft dort die Rebellengruppe PJAK für mehr Autonomie.

Im Irak leben etwa fünf Millionen Kurden. Sie hatten nach dem Golfkrieg 1991 und einem Aufstand gegen Diktator Saddam Hussein bereits weitgehende Eigenständigkeit erreicht. Mit der Verfassung von 2005 erhielt ihr Siedlungsgebiet auch offiziell den Status einer Autonomieregion mit einer eigenen Regierung, einem eigenen Parlament und einem eigenen Budget. Der Nordirak hat sich wegen seines Ölreichtums und der relativen Stabilität und Sicherheit wirtschaftlich gut entwickelt. Allerdings sind die irakischen Kurden zwischen der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) gespalten, die sich von 1994 bis 1998 einen Bürgerkrieg lieferten.

Nun haben die Kurden mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit votiert: Rund 93 Prozent stimmten für eine Abspaltung vom Irak. Trotz des Widerstandes im In- und Ausland setzte Barsani das Referendum nicht aus. Abgestimmt wurde nicht nur in der kurdischen Autonomieregion, sondern auch in der seit 2014 von den kurdischen Peschmerga kontrollieren Provinz Kirkuk – ein Gebiet, das wegen seiner Bodenschätze zwischen Erbil (Hauptstadt der Autonomieregion) und Bagdad umstritten ist. Das irakische Parlament hat nach dem Referendum angeordnet, Soldaten in die von den Kurden kontrollierten Ölfelder um Kirkuk zu entsenden.

Doch Barsani sucht mit seiner Beharrlichkeit nicht nur die Kraftprobe mit Bagdad, sondern eben auch mit Ankara und Teheran. Bereits Mitte August traf der iranische Generalstabschef Mohammad Bagheri in Ankara seinen türkischen Amtskollegen Hulusi Akar, Verteidigungsminister Nurettin Canikli und Hakan Fidan, Vorsitzender des türkischen Geheimdienstes MİT. Es war der erste Besuch eines hochrangigen Militärs in der Türkei seit der Revolution Chomeinis 1979. Den Drohgebärden vor dem Referendum folgen nun auch Taten: Irakische und türkische Soldaten nahmen Anfang der Woche an gemeinsamen Manövern teil. Das irakische Militär kündigte zudem die Entsendung einer hochrangigen Delegation in den Iran an, "um militärische Unternehmungen abzusprechen". Die Türkei stoppte die Ausbildung der Peschmerga-Kämpfer, die im Kampf gegen den IS eine wichtige Rolle spielen. Zudem will die Türkei nach Angaben des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi nur noch Öl von der Regierung in Bagdad kaufen.

"Türkei und Iran werden Barsani nicht atmen lassen", war dieser Tage in den türkischen Medien zu lesen. Erdoğan drohte den irakischen Kurden mit einem "Aushungern". Die iranische konservative Tageszeitung Keyhan zeigte eine Karikatur des israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als Känguru: Er trägt ein kurdisches Peschmerga-Gewand und aus seiner Beuteltasche schaut Barsani.