Über mindestens drei Voraussetzungen sollte ein Staat nach herrschender Lehre verfügen: ein klar umrissenes Territorium, ein Staatsvolk sowie das Monopol über die Ausübung von Gewalt. Die Autonome Region Kurdistan im Irak (KRI) verschiebt ihre Grenzen nach Belieben, mit dem Volk ist es so eine Sache und das Gewaltmonopol erscheint ebenfalls schwammig. Die Nationalhymne steht dennoch: "Ey raqîb, oh Feind! / Die Kurden und ihre Sprache leben noch immer! / Nicht einmal die Bomben aller Zeiten können sie vernichten. / Niemand soll behaupten, die Kurden wären tot. / Die Kurden leben. Die Fahne wird nie fallen."



Das klingt weniger nach dem Anbruch stabiler Zeiten als nach ewigem Kampf, passt aber zur aktuellen Lage. Morgen soll im Norden des Irak über ein unabhängiges Kurdistan abgestimmt werden – und nicht wenige fürchten den nächsten bewaffneten Konflikt im Irak. Iraks Premierminister Haider al-Abadi versammelte vor wenigen Tagen seine Militärkommandanten und warnte, Kurdistan könne "verschwinden", sollte es an dem Referendum festhalten. Die unmittelbaren Nachbarn Türkei und Iran, selbst im Dauerkampf mit ihren eigenen kurdischen Minderheiten, drohen Irak mit Sanktionen und militärischen Schritten, die westlichen Verbündeten mit dem Stopp militärischer und ökonomischer Hilfe. Der UN-Sicherheitsrat, sonst chronisch unfähig zu einheitlichen Stellungnahmen zum Nahen Osten, erklärte das geplante Referendum am vergangenen Donnerstag für "potenziell destabilisierend".

Und die Kurden?

In der Hauptstadt der KRI, Erbil, sind in den Tagen des Countdowns vor der Abstimmung die Hochhäuser mit riesigen kurdischen Fahnen geschmückt: eine strahlende Sonne auf rot-weiß-grünem Grund. Jubelkonvois blockieren den Verkehr, in Fußballstadien wird der amtierende Präsident der KRI, Massud Barsani gefeiert, im Fernsehen singen Popstars vom Martyrium des Volkes und im Wohnzimmer ihres kleinen Hauses fragt Nadwa Kamal Rasheed, warum man den Kurden nicht endlich zugestehen wolle, was für die drei anderen großen Völker im Nahen Osten – Araber, Türken und Perser – selbstverständlich ist: Bürger eines unabhängigen Nationalstaates zu sein.

Der Feind meines Feindes

Müsste man die Geschichte der irakischen Kurden am Beispiel eines einzelnen Menschen erzählen, wäre die 55-Jährige mit den weißgrauen Strähnen und dem schwarzen Kopftuch eine ideale Kandidatin: geboren 1962 in der nordirakischen Stadt Kirkuk, als sich die Kurden, darunter Nadwas Vater, unter Führung des kurdischen Überhelden Mullah Mustafa Barsani gerade im Aufstand gegen Bagdad befanden. Mit zwölf Jahren war sie zum ersten Mal auf der Flucht. Mit 18, frisch verheiratet und schwanger, brachte sie in einem Gefängnis des Saddam-Regimes ihr erstes Kind zur Welt. Mit 20 folgte sie ihrem Mann in den Untergrund, wurde Krankenschwester und Waffenschmugglerin für die kurdischen Streitkräfte, die Peschmerga, im irakisch-iranischen Krieg, in dem viele Kurden nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" auf Seiten Teherans kämpften.

Gleichzeitig überzog damals der Diktator Saddam Hussein die Kurden mit Massakern, Giftgasattacken und Luftangriffen. Nadwa überlebte mit ihren Kindern – inzwischen waren es drei – in Berghöhlen. Mit Ende 30 wurde sie mit nunmehr sieben Kindern Witwe. Ihr Mann kam durch eine Bombe um.

Derzeit kämpfen Nadwas vier Söhne an der Front gegen den IS. Die eigenen Kinder im Krieg zu wissen, "ist viel schlimmer, als wenn man selbst dabei ist", sagt sie. Bislang sind alle unversehrt geblieben, aber entferntere Angehörige sind gefallen. Für all das Leiden, all die Jahrzehnte des Kampfes gibt es für Nadwa Rasheed nur eine angemessene Entschädigung: "Einen eigenen Staat."

Die Schwiegertochter serviert Tee und frisches Obst, der dreijährige Enkel Korosh bremst im Tretauto vor den Füßen der Oma, die gerade die Pfirsiche aufschneidet und beim besten Willen nicht versteht, warum außer den ewigen Erzfeinden – Araber, Türken und Iraner – auch die Amerikaner und die Europäer gegen das Referendum sind. "Wo wir doch auch für euch gegen den IS gekämpft haben."
 In Anbetracht einer solchen Biografie kommt man sich beim Aufzählen der Gründe ziemlich kleinkrämerisch vor. Aber es gibt nun mal eine ganze Reihe von Argumenten gegen dieses Referendum.

Das erste erscheint aus kurdischer Sicht besonders bitter: Die internationale Gemeinschaft hat derzeit überhaupt keine Lust auf weitere Neustaaten in ihren Reihen. Die Situation jüngerer Mitglieder wie Timor-Leste, Kosovo oder Südsudan schwankt zwischen ökonomischer Krisenzone am internationalen Geldtropf und Katastrophengebiet.