Es ist die große Show, die Michail Saakaschwili so sehr liebt. "Ich kämpfe nicht für mich selbst, sondern für die Ukraine", sagt er. Wenngleich ihm in der Mittagshitze der Schweiß auf die Stirn tritt und der Applaus an diesem Montag verhalten ist vor dem Hotel in der Innenstadt der westukrainischen Stadt Lwiw. "Ich weiß, dass es Risiken gibt, aber nicht nur meine Freiheit, sondern auch die der Ukraine steht auf dem Spiel!"

Der ehemalige georgische Präsident Saakaschwili war an diesem Sonntag – einem Einreiseverbot zum Trotz – in die Ukraine eingereist. Während sein Zug an der polnisch-ukrainischen Grenze gestoppt wurde, durchbrachen seine Unterstützer bei einem Grenzübergang von der ukrainischen Seite aus eine Sperre der Nationalgarde und brachten ihn zu Fuß in die Ukraine. Saakaschwili, von Unterstützern, Politikern und Freiwilligenkämpfern bis nach Lwiw begleitet, fühlte sich in der dort offensichtlich sicher und gab sogar eine Pressekonferenz.

Saakaschwili, der als impulsiver Heißsporn gilt, hat selbst für seine Verhältnisse viel aufs Spiel gesetzt. In seiner Heimat Georgien liegt ein Haftbefehl wegen Amtsmissbrauchs gegen ihn vor, Tbilissi soll laut den ukrainischen zuständigen Behörden schon einen Auslieferungsantrag an Kiew gestellt haben. So sieht Saakaschwili heute kämpferisch, aber auch abgekämpft aus. Das breite Grinsen, als er unter "Mischa"-Sprechchören in der Ukraine empfangen wurde, ist ihm inzwischen vergangen. Kritische Nachfragen, die die Journalisten zu seiner illegalen Einreise stellen, werden von ihm einfach überschrien.

"Das ist erst der Beginn meines Kampfes!"

Wenige Stunden später wird die Hotellobby vom ukrainischen Grenzschutz besetzt. "Wissen Sie überhaupt, wo Herr Saakaschwili wohnt?", schnauzt ein Unterstützer die Einsatzkräfte an. Zuvor sollen die Uniformierten versucht haben, in den Aufzug zu steigen, wurden aber von seinen Unterstützern daran gehindert, wie Journalisten berichten.

Derweil hat der Grenzschutz gegen Saakaschwili ein Verfahren wegen illegalem Grenzübertritt eingeleitet; ein Gericht in Mostyska, etwa 60 Kilometer westlich von Lwiw, wird sich am 18. September mit dem Fall befassen. Unterdessen hat Saakaschwili eine Tour "durch viele Städte und Dörfer" in der Ukraine angekündigt, um für Unterstützung zu werben. Laut einem Sprecher des Innenministeriums drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft.

Es ist der Höhepunkt im Konflikt zwischen Saakaschwili und dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Eigentlich waren sie Freunde seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Kiew. Und so ernannte Poroschenko den Georgier, der sich als Reformer in seinem Heimatland einen Namen gemacht hat, vor zwei Jahren zum Gouverneur von Odessa. Und er verlieh ihm die ukrainische Staatsbürgerschaft. Doch im November 2016 warf Saakaschwili als Gouverneur das Handtuch. Die Begründung: Die Reformen und der Kampf gegen die Korruption würden von Kiew – namentlich Poroschenko – blockiert.

Nachdem Saakaschwili immer offener Kritik am Präsidenten übte, entzog ihm Poroschenko im Juli kurzerhand die ukrainische Staatsbürgerschaft und verhängt ein Einreiseverbot, während der Ex-Gouverneur die USA besuchte. Ein Schritt, der als politisch motiviert kritisiert wurde und den Saakaschwili nun vor Gericht in der Ukraine anfechten will. "Das ist erst der Beginn meines Kampfes!", wurde Saakaschwili nicht müde zu betonen. Sein Anwalt soll sich bereits an die ukrainische Migrationsbehörde gewandt haben, um eine Auslieferung nach Georgien zu verhindern, da dort kein gerechtes Verfahren zu erwarten sei.

Symbol des Widerstands gegen Poroschenko

Saakaschwili ist ein Mann, dessen Revolutionsrhetorik man ernst nehmen kann. Immerhin hat der charismatische 49-Jährige in Georgien 2003 die sogenannte Rosenrevolution angeführt. Auch damals stellte er sich gegen seinen ehemaligen Protektor: den ehemaligen sowjetischen Außenminister und damaligen Präsidenten Georgiens, Eduard Schewardnadse. Saakaschwili wurde in Georgien 2004 zum Präsidenten gewählt und hielt das Amt bis 2013. Im Jahr darauf unterstütze Saakaschwili die Massenproteste auf dem Maidan in Kiew, während in Georgien, wo inzwischen die Opposition an die Macht gekommen war, ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch gegen ihn eröffnet wurde. Das Verfahren wird international als politisch motiviert kritisiert.

In der Ukraine selbst hat Saakaschwili mit seinen kantigen Sprüchen, er werde die Oligarchen und die Korruption bekämpfen, Politiker aller Couleur um sich versammelt. Darunter auch Mustafa Najem, der mit einem Aufruf auf Facebook den Maidan 2013/2014 ausgelöst hat. Oder aber auch der beliebte Lwiwer Bürgermeister Andrij Sadowyj oder die ehemalige Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.

Dass es Saakaschwili überhaupt gelungen ist, in die Ukraine einzureisen, ist allein schon eine Blamage für den ukrainischen Präsidenten. De facto haben die ukrainischen Sicherheitskräfte somit teilweise die Kontrolle über ihre Grenze mit der EU verloren. "Es ist nicht wichtig, wer die Staatsgrenzen verletzt – Kämpfer aus dem Osten oder Politiker aus dem Westen", reagierte  Poroschenko bissig. "Jeder muss zur Verantwortung gezogen werden."

"Bestrafen und ausliefern, wie es Diktatoren machen?"

Jetzt freilich steht der ukrainische Präsident unter großem Druck. Für ihn gibt es nur schlechte Optionen, kommentiert der Politologe Petr Oleschtschuk von der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew: "Soll er Saakaschwili nun bestrafen und ausliefern, wie es Diktatoren machen? Oder soll er die offensichtlichen Gesetzesbrüche ignorieren und damit die Machthaber und sich selbst diskreditieren?"

Dass Poroschenko so repressiv gegen seinen Erzfeind vorgeht, hat jenem überhaupt erst eine große Bühne bereitet – Umfragen sahen Saakaschwilis Partei Bewegung neuer Kräfte zuletzt bei nicht einmal zwei Prozent. Durch den Skandal kann sich Saakaschwili zum Symbol des Widerstandes gegen den zunehmend unbeliebten Präsidenten inszenieren. "Das ist eine neue Anti-Poroschenko-Koalition, die versuchen wird, einen neuen Maidan zu organisieren", sagt der Kiewer Politologe Wladimir Fesenko. Ob ihr das gelingt, ist fraglich. So steht aber die – ohnehin nicht an Spannungen arme – Ukraine demnächst vor einer innenpolitisch besonders unruhigen Zeit: "Die Frage ist nur, mit welcher Härte dieser Machtkampf demnächst ausgetragen wird", sagt Fesenko.

Saakaschwili lässt derweil keine Zweifel daran, dass er zum Äußersten entschlossen ist. "Ich bin mir der Risiken bewusst", sagte er in Lwiw. "Aber ich weiß auch, dass wir Recht haben. Sie wollten mich aus der ukrainischen Politik hinausdrängen, aber ich bin ein Ukrainer!"