Die gute Nachricht ist: Der "Islamische Staat" ist geschlagen. Im Irak und in Syrien werden nur noch die letzten Dschihadisten aus ihren einstigen Zentren vertrieben. Die schlechte Nachricht ist: Geschlagen war die Terrororganisation im Grunde schon öfter. Nur, um dann in neuer Formation noch mächtiger zurückzukehren.

Dass der IS mit militärischen Mitteln besiegt werden kann, daran bestanden eigentlich nie größere Zweifel. Das Problem war bisher eher, sicherzustellen, dass das auch so bleibt. Denn die Organisation ist eine Meisterin der Anpassung und in höchstem Maße wandlungsfähig. Das hat sie in ihrer Heimat Irak mehr als einmal unter Beweis gestellt. Auch ohne eigenes Staatsgebiet bleibt sie gefährlich. Sie profitiert dabei vom Chaos der Anderen, daraus zieht sie seit jeher ihre Stärke. Deshalb gedeiht sie überall dort, wo Bürgerkriege herrschen und Staaten zerfallen.

Während also alle Welt in den arabischen Osten blickt, könnte sich der IS an einem anderen Ort neu aufstellen, im Schatten der internationalen Aufmerksamkeit. Und abwarten, bis wieder seine Stunde schlägt. Zum Beispiel in Nordafrika, auf dessen Boden die Organisation bereits vor mehr als zwei Jahren ein zweites Staatsbildungsprojekt ausgerufen hatte, quasi als Back-up für den ersten Staat zwischen Syrien und dem Irak. Fernab des Stammgebiets sind die Bedingungen dort nahezu ideal, besonders wegen des Konflikts in Libyen. Der weitet sich immer mehr zum Stellvertreterkrieg aus. Das Land im Zentrum des arabischen Westens ist zerrissen und machtpolitisch zersetzt, mehrere rivalisierende Regierungen und ihre Milizen bekriegen sich gegenseitig. Unterstützt werden sie dabei von äußeren Mächten, die ihre jeweiligen Interessen in Libyen sichern wollen, was den Bürgerkrieg zusätzlich befeuert. Das ist der Nährboden, von dem eine Organisation wie der IS lebt.

In dem gescheiterten Staat sind die Dschihadisten wieder auf dem Vormarsch und machen sich Machtgerangel und Kriegswirren zunutze, obwohl sie auch in Libyen schon einmal militärisch geschlagen waren. Gerade neun Monate ist es her, dass die Terrortruppe durch eine UN-gestützte Militärintervention aus der Küstenstadt Sirte im Inneren des Landes vertrieben wurde, wo sie mehr als eineinhalb Jahre lang die Kontrolle hatte. Es ist kein Zufall, dass der jüngste terroristische Überfall einen Militärstützpunkt traf, der in gerader Linie südlich dieses einstigen Zentrums der Dschihadisten liegt. Dorthin, mitten in die Wüste, hatten sich die verbliebenen Kämpfer aus Sirte zurückgezogen und im Hinterhalt nur auf ihre Gelegenheit gewartet. Jetzt schlugen sie zu und töteten mehrere Soldaten und Zivilisten, manche von ihnen durch Enthauptungen, denn das bringt Schlagzeilen und die wiederum bringen Zulauf. Solche Meldungen häufen sich, auch aus Ägypten, Tunesien oder Algerien hört man sie.

Wie damals im Irak

Überall hat der IS in den Ländern rund um die Sahara inzwischen kleine Ableger etablieren können. Das liegt auch daran, dass das Staatsprojekt im Maschrek vorerst am Ende ist und viele Auslandskämpfer nun zurückkommen, um ihre Erfahrungen in lokale Terrornetzwerke einzubringen. Vor allem Tunesien hat ein riesiges Problem mit Rückkehrern, denn fast 6.000 sollen aus dem kleinen Land in den Dschihad gezogen sein, schätzen die UN. Ihre Ideen könnten in Tunesien auf fruchtbaren Boden fallen. Doch was ist es eigentlich, das junge Menschen aus der Vorzeigedemokratie des Nahen Ostens in die Arme von Terroristen treibt?

Wie in allen Staaten südlich des Mittelmeers ist die Zahl junger Leute ohne Arbeit und Perspektive in Tunesien überdurchschnittlich hoch. Viele von ihnen fühlen sich von korrupten Behörden und gierigen Eliten um ihre Revolution betrogen. Das ist noch kein Grund, gleich einer Terrororganisation beizutreten. Doch manche der enttäuschten Revolutionäre entdecken für sich im Dschihadismus eine echte revolutionäre Alternative. Im tunesischen Hinterland sollen sich bereits Ableger des IS festgesetzt haben, in den Grenzgebieten zu Algerien im Westen und zu Libyen im Osten. Die Gegenden sind schwer zugänglich, Gebirge oder Wüsten, die seit jeher vernachlässigt wurden. Der Zentralstaat ist weit weg, das Gefälle zwischen Küste und Landesinnerem riesig und der Schmuggel das einzige Geschäft, das in den abgehängten Gegenden floriert. Die sporadischen Antiterroraktionen der Sicherheitsapparate helfen da wenig, solange Letztere die Mehrheit der Bevölkerung in diesen Gebieten nicht hinter sich haben.

Solche sich selbst überlassenen Landstriche gibt es viele in Nordafrika: das Rif-Gebirge im Norden Marokkos, wo der Haschischanbau und kriminelle Netzwerke staatliche Strukturen ersetzen und Terroristen im Handel mitmischen. Das riesige Wüstengebiet im Süden Algeriens, wo das Erdöl herkommt, die Bevölkerung aber nicht an den Einnahmen beteiligt wird und schon lange vom Schwarzhandel lebt. Oder Ägyptens Sinai, wo sich die lokale Terrororganisation schon Ende 2014 offiziell dem IS angeschlossen hat. Seitdem begeht sie ihre Anschläge in dessen Namen, auf Polizeistationen und Militäreinheiten, auf Touristen, auf koptische Kirchen.

Darin genau besteht die große Gefahr auf dem afrikanischen Kontinent: dass sich das bisher lose Netz aus kleinen Zellen unterschiedlicher militanter Gruppen vereinigt zu einer einzigen großen Organisation. Wie damals im Irak. Auf Zulauf durch spontane Gefolgschaft konnte sich der IS auf dem afrikanischen Kontinent jedenfalls bisher verlassen.