Nur wenige Tage nach der Verhängung neuer Sanktionen hat Nordkorea erneut eine ballistische Mittelstreckenrakete über Japan hinweg in den Pazifischen Ozean geschossen – ein Verstoß gegen frühere Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats. In mehreren Regionen der nördlichen Insel Japans wurde das Raketenalarmsystem ausgelöst. Bereits Ende August war ein Geschoss Nordkoreas über das Land hinweggeflogen.

Nordkorea - Erneuter Raketentest Trotz UN-Sanktionen hat Nordkorea wiederholt eine Rakete abgeschossen, die über Japan geflogen ist. Das Land arbeitet an der Entwicklung von Interkontinentalraketen. © Foto: Issei Kato/Reuters

Der Raketenstart wurde sowohl von US-Streitkräften als auch vom südkoreanischen Militär beobachtet. Nach Angaben des dortigen Stabschefs wurde die Rakete in Pjöngjang gestartet und legte eine Strecke von rund 3.700 Kilometern zurück. Sie erreichte eine maximale Höhe von 770 Kilometern. Der japanischen Regierung zufolge überflog die Rakete die Insel Hokkaido. Anschließend sei sie rund 2.000 Kilometer östlich im Pazifik niedergegangen. Nach Einschätzung des japanischen Verteidigungsministers Itsunori Onodera könnte es sich um eine Mittelstreckenrakete vom Typ Hwasong-12 gehandelt haben. Aus den USA hieß es, der Raketenstart habe weder eine Bedrohung für Nordamerika noch für das US-Außengebiet Guam dargestellt.

Nato fordert "globale Antwort"

Nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrats ordnete der Südkoreas Präsident Moon Jae In "ernste" militärische und diplomatische Maßnahmen an, um Nordkorea von weiteren Provokationen abzuhalten. Ein Präsidentensprecher erklärte, Moon habe das Militär zudem aufgerufen, sich besser auf mögliche Angriffe Pjöngjangs mit biologischen und chemischen Waffen vorzubereiten.

Das japanische Fernsehen zeigt eine Grafik mit dem Verlauf der nordkoreanischen Mittelstreckenrakete. © Eugene Hoshiko/AP/dpa

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe reagierte empört: Nordkoreas andauernde Provokationen bedrohten den Weltfrieden: "Jetzt ist die Zeit, da die internationale Gemeinschaft gefordert ist, sich gegen Nordkorea zu vereinen." US-Außenminister Rex Tillerson teilte mit, es sei das zweite Mal binnen weniger Wochen, dass mit Japan ein Vertragspartner der USA direkt bedroht wurde. "Diese fortgesetzten Provokationen führen dazu, dass Nordkoreas diplomatische und wirtschaftliche Isolation nur noch vertieft wird."

Zugleich richtete Tillerson Mahnungen an China und Russland: "China liefert Nordkorea den größten Teil ihres Öls, Russland ist der größte Arbeitgeber für nordkoreanische Zwangsarbeiter." Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mahnte eine "globale Antwort" an. Der Test sei ein weiterer rücksichtsloser Bruch von UN-Resolutionen und eine große Bedrohung für den internationale Frieden und die Sicherheit, schrieb Stoltenberg auf Twitter.

Neue Beratungen im UN-Sicherheitsrat

Noch heute will der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung über den Konflikt beraten. Erst am Montag hatte der Rat neue Sanktionen gegen Nordkorea beschlossen, die aber nicht so hart ausfielen wie von den USA gewünscht. Sie hatten ein komplettes Ölembargo und Finanzsanktionen gegen Kim Jong Un gefordert, durchsetzen konnten sie lediglich eine Deckelung von Öllieferungen und einem Verbot von Textilexporten. Zudem darf kein Land der Welt neue Arbeitsvisa für Nordkoreaner ausstellen.

Die Strafmaßnahmen sind eine Reaktion auf den jüngsten und bisher gewaltigsten Atomtest des Landes am 3. September. Nach eigenen Angaben testete Nordkorea an jenem Tag eine Wasserstoffbombe, die nach japanischen Angaben eine Sprengkraft von 160 Kilotonnen hatte – mehr als zehnmal so viel wie die Atombombe, welche die US-Streitkräfte 1945 über Hiroshima abwarfen. Kim Jong Un bezeichnete den Test als "bedeutenden Auftakt", um insbesondere die USA und ihr Außengebiet Guam in Schach zu halten. Sein Land werde zudem künftig mehr Raketen in Richtung des Pazifiks schießen, um die Fähigkeiten der Streitkräfte auszubauen.

Experten zufolge arbeitet Nordkorea an Langstreckenraketen, die einen Atomgefechtskopf bis in die USA tragen können. Dabei verbieten eine Reihe von UN-Resolutionen dem Land sowohl Atomwaffenversuche als auch Tests von ballistischen Raketen. Dabei handelt es sich in der Regel um Boden-Boden-Raketen, die einen konventionellen, chemischen, biologischen oder atomaren Sprengkopf befördern können.