Alle Grenzübergänge mit Israel und Ägypten sind seit Jahren blockiert. Strom fließt nur noch drei Stunden am Tag. Das Trinkwasser ist verschmutzt, salzig und vielfach ungenießbar. In den Krankenhäusern fehlt es am Nötigsten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 42 Prozent. Und immer noch hausen Tausende Menschen, die im letzten Krieg vor drei Jahren ausgebombt wurden, in Notunterkünften.

Die Lebensverhältnisse der rund zwei Millionen Einwohner im Gazastreifen sind, zehn Jahre nach der gewaltsamen Machtübernahme durch die Hamas, unerträglich. Und nun sind sie offenbar so unerträglich geworden, dass sich die radikale Palästinenserbewegung am Sonntag erstmals bereit erklärte, die Verwaltung der völlig ramponierten Enklave am Mittelmeer abzugeben. Man lade die Regierung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Westjordanland dazu ein, "in den Gazastreifen zu kommen und ihre Aufgaben sofort zu übernehmen", hieß es in einer Mitteilung. Der Schritt sei das Ergebnis "großzügiger Bemühungen von Ägypten, eine palästinensische Versöhnung herbeizuführen".

Im Einzelnen stimmte die Hamas in den von der ägyptischen Regierung vermittelten Gesprächen zu, ihre Gegenregierung, das sogenannte Verwaltungskomitee, aufzulösen und sich zusammen mit ihrem Rivalen Fatah an der Organisation allgemeiner Wahlen im Gazastreifen und im Westjordanland zu beteiligen.

Die letzten Wahlen fanden 2006 statt, sodass sowohl die Hamas als auch die Fatah nun schon seit sieben Jahren ohne demokratisches Mandat ihrer Bevölkerung regieren. Ungeklärt ist noch, ob die Hamas auch die Kontrolle über ihre Kassam-Brigaden abgibt. Diese Brigaden sind der militärische Arm der Hamas. Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 verüben Mitglieder der Kassam-Brigaden immer wieder Anschläge auf israelische Soldaten und Zivilisten.

Auch wenn sämtliche bisherigen Versöhnungsversuche scheiterten, diesmal sind die Aussichten besser, dass die Palästinenser ihr Zerwürfnis Schritt für Schritt beilegen können. Die Wende kam im Mai mit der Wahl von Ismail Hanija zum Hamas-Chef, der den im Exil in Katar lebenden Chalid Maschal ablöste. Anders als Maschal wohnt Hanija im Gazastreifen, kennt den unerträglichen Alltag und gilt als Pragmatiker, der vor allem mit Ägypten eine bessere Beziehung anstrebt.

Unter seiner neuen Führung deutete die Hamas zudem in einem Positionspapier erstmals die Bereitschaft an, zeitweise auch einen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 zu akzeptieren. Vom bewaffneten Widerstand gegen Israel und dem prinzipiellen Anspruch auf das gesamte historische Palästina rückte die radikalislamische Organisation jedoch nicht ab. Letzte Woche war Hanija mit großer Delegation in Kairo, die dort mit den Gesandten von Palästinenserpräsident Abbas verhandelte.

Führende Fatah-Politiker bleiben skeptisch

Mahmud al-Aloul, Mitglied des Fatah-Zentralkomitees in Ramallah, begrüßte im palästinensischen Radiosender Stimme Palästinas die Einigung und sprach von guten Nachrichten. Er bleibe jedoch skeptisch, ob das Abkommen wirklich zu einer umfassenden Versöhnung führen werde, sagte er. "Wir müssen erst abwarten und sehen, was tatsächlich passiert, bevor wir zu den nächsten Schritten übergehen." Nach der Fatah ist die Hamas die zweitgrößte Palästinensergruppierung. Sie wurde 1987 während der Ersten Intifada gegründet und umfasst einen politischen und einen militärischen Zweig sowie ein karitatives Hilfswerk. Von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Gemeinschaft und Israel wird sie als Terrororganisation eingestuft.

Drei Kriege haben Israel und die Hamas im vergangenen Jahrzehnt gegeneinander geführt, die massive Zerstörungen in dem Küstengebiet hinterlassen haben. UN-Generalsekretär António Guterres sprach Ende August bei einem Besuch vor Ort von "einer der dramatischsten humanitären Krisen", die er je gesehen habe. Bereits im Juli hatten die Vereinten Nationen mitgeteilt, sie hielten den Gazastreifen aufgrund der katastrophalen humanitären Lage für unbewohnbar. 

Und so begrüßte der UN-Nahostgesandte Nikolaj Mladenow am Sonntag das Einlenken der Hamas und dankte Ägypten für seine konstruktive Rolle. "Alle Beteiligten müssen die Gelegenheit ergreifen, ein neues Kapitel für das palästinensische Volk aufzuschlagen", schrieb der Diplomat auf Twitter. Und er hoffe "die palästinensischen Parteien werden das Momentum von Kairo nutzen, um die humanitäre Lage zu verbessern, angefangen bei der Stromkrise".