Gegen breiten Protest ist zum neuen Schuljahr in Polen das umstrittene Schulgesetz der nationalkonservativen Regierung in Kraft getreten. Nach Schätzungen des Lehrerverbandes ZNP bedrohen die neuen Regelungen Zehntausende Lehrer-Jobs. Genaue Zahlen sollen bis Ende September vorliegen. Vergeblich hatte sich der Verband gegen die Reform der mit absoluter Mehrheit regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit PiS gewehrt.

Als die Pläne für das Schulgesetz vor etwa einem Jahr bekannt wurden, protestierten bereits Zehntausende Polen dagegen. Damals beteiligten sich an der Kundgebung in Warschau Lehrer aus dem ganzen Land. Zum neuen Schuljahr demonstrierten erneut Hunderte Gegner vor dem Bildungsministerium in Warschau.

Doch die PiS setzte die Rückkehr zum Schulsystem aus Zeiten des Kommunismus durch. Infolgedessen werden etwa 7.500 Mittelstufenschulen von Klasse 7 bis 9, in Polen Gymnasium genannt, abgeschafft. Stattdessen gehen Schüler wieder acht Jahre lang in die Grundschule; Abitur können sie an Oberstufen- und Branchenschulen machen. Dort kommen entlassene Gymnasiallehrer wegen der abweichenden Fächer aber kaum unter. Deswegen steht zu befürchten, dass mit jedem auslaufenden Gymnasialjahrgang weitere Pädagogen entlassen werden.

Bildungsministerin Anna Zalewska bestreitet die Vorwürfe und verspricht sogar neue Stellen. Dabei rechnet der Pädagogenverband aber selbst für jene Lehrer mit Problemen, die ihre Arbeit vorerst behalten könnten. Denn mit der Reform werde massiv gespart, sagt ZNP-Chef Slawomir Broniarz: "Schon jetzt haben rund 10.000 Lehrer ihre Arbeit verloren, mehr als 20.000 wird der Etat gekürzt." Die von Zalewska versprochenen Stellen seien daher größtenteils Teilzeitverträge. Um von ihrem Gehalt leben zu können, müssten Pädagogen so Aufträge an bis zu vier oder fünf Schulen finden müssen.

Es geht aber nicht nur um Posten und Strukturen, es geht auch um Inhalte. Die PiS wolle Kinder nach ihren Vorstellungen erziehen, vermutet Broniarz: "Es soll eine Generation neuer Bürger her." Änderungen im Lehrplan, die über zwei Jahre eingeführt werden, scheinen dies zu bestätigen. Darin setzt die PiS verstärkt auf polnische Literatur und polnische Geschichte, gesellschaftskritische Denker wie der Franzose Molière oder der Pole Czeslaw Milosz fehlen auf neuen Lektürelisten. Fremdsprachen und Naturwissenschaften sind von Kürzungen betroffen. Werbespots zur Reform auf einer Regierungswebseite preisen mehr Wissen über polnische Wissenschaftler und Nationalhelden an. Ein ideologisch-historisches Programm sieht Broniarz am Werk.

Immerhin: Einige Warschauer Direktoren begrüßen die Freigabe zusätzlicher Mittel für neue Schuleinrichtungen. Der Lehrerverband meint aber, das sei nur den Anstrengungen der Gemeinden zu verdanken. Sie müssten die Kosten der Reform tragen und stünden vor den Regionalwahlen 2018 unter Zugzwang. Denn Chaos und Bürgerbeschwerden über die PiS-Reform könnten die Wählergunst beeinflussen.