Erinnern wir uns an den Sommer vor einem Jahr: Der Brexit-Entscheid der Briten hatte gerade allen Europäern gezeigt, wie die EU zerbrechen kann. Auch in Österreich, den Niederlanden und gar Frankreich deuteten Umfragen an, dass die Bürger der EU ihre Union mehrheitlich ablehnen. Eine innereuropäische Grenze nach der anderen wurde geschlossen. Stopp, Ende und aus – die EU, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als Idee eines offenen, freien, kooperativen Europas gedacht war, schien tatsächlich erledigt zu sein. Zumindest war das der politische Sound des Sommers 2016.

Einige schlossen schon Wetten darauf ab, wann die EU zusammenbrechen würde. Die Union mit ihren hilflosen Institutionen und ihrem überraschten Führungspersonal wirkte wie ein angeschlagener Boxer. Der größte Staatenverbund der Welt taumelte durch die Weltgeschichte. Ja, die EU war angezählt, als Jean-Claude Juncker in seiner Rede zur Lage der Union im September 2016 sagte, die nächsten zwölf Monate seien entscheidend, "wenn wir unsere Union wieder zusammenführen wollen".

Jetzt ist dieses Jahr vergangen. Der Präsident der Europäischen Kommission hat erneut vor dem Europäischen Parlament seine Rede zur Lage der Union gehalten, und die hat wenigstens einige Zukunftsoptionen benannt: Was da von Juncker in Straßburg vorgelesen wurde, hat das Zeug, die EU weiter zu stärken – wenn es denn in ganz Europa gehört wurde und umgesetzt wird.

Wieder "Wind in den Segeln"

Zum Ist-Zustand: Im Sommer 2017 geht es der EU besser als vor einem Jahr. Die Union entwickelt wieder wirtschaftliche Kraft. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit neun Jahren nicht mehr. Ökonomisch ist die EU in den vergangenen zwei Jahren stärker gewachsen als die Vereinigten Staaten von Amerika. Und auch politisch hat die EU wieder "Wind in ihren Segeln" (Juncker).

Die Verstärkung der europäischen Außengrenzsicherung durch EU-Beamte hat in Südeuropa geholfen, das menschenunwürdige Chaos dort zu ordnen. Durch das EU-Türkei-Abkommen ertranken viel weniger Menschen im Mittelmeer als zu Beginn der Flüchtlingskrise. Alles nicht perfekt, aber der Boxer ist zurück im Ring.

Nach der Brexit-Entscheidung konnte keine nationale Wahl in der EU von antieuropäischen Parteien gewonnen werden. Auf den Straßen und Plätzen europäischer Städte formierte sich stattdessen der Pulse of Europe: Bürgerbewegungen, die die EU feiern, statt sie abschaffen zu wollen. Bei den Verhandlungen über den geordneten Austritt Großbritanniens aus der Union agiert die EU geeint wie sehr lange nicht mehr. Also alles wieder gut im alten Europa?

Ein bisschen mehr Leidenschaft

Leider nein. Die EU ist und bleibt in Bewegung – ein Projekt, das noch lange nicht fertig ist. Junckers Zukunftsprojekte wie eine europäische Arbeitsagentur, ein europäischer Finanzminister, die Vollendung der Banken- und Verteidigungsunion sowie der Eintritt in eine Sozialunion weisen den Weg in ein solidarischeres, gerechteres Europa. Die Idee, in die Eurozone weitere Mitgliedstaaten einzuladen, ist dabei nur eine von vielen (hier alle Ansätze im Wortlaut). Juncker hielt eine vernünftige, wegweisende Rede mit klugen Vorschlägen für eine vorsichtigere Weiterentwicklung der Union – ohne Vertragsveränderungen. Was aber fehlt, ist ein Signal, das nach einer Zeit der Krise eine Aufbruchsdynamik erzeugen kann.

Vermutlich ist genau das von diesem EU-Präsidenten zu viel erwartet. Juncker ist ein alter EU-Haudegen, der zum Ende seiner Karriere die ruhigen, einigenden Worte bevorzugt. Doch die EU kann eigentlich mehr. Und die europäische Öffentlichkeit kann mehr von der EU und ihrem Kommissionspräsidenten verlangen. Ein bisschen mehr Leidenschaft darf es bei einer State-of-the-Union-Rede dann schon sein: Politik wird auch aus Emotionen gemacht.