Im Stadtviertel Tasain in Kirkuk herrscht am Wahltag Leere. Hier wohnen zu 95 Prozent Turkmenen, jene irakische Volksgruppe, die von den Türken abstammen und sich im Norden des heutigen Irak ansiedelten. In Kirkuk sind sie besonders stark vertreten. Doch an diesem Montag machen sie sich rar. Nur Yılmaz und Fatma steuern auf das Wahllokal zu, das in einer Schule untergebracht ist. "Wir gehen wählen", sagt Yılmaz überzeugt, "einer muss doch mit Nein stimmen". Sonst bekämen die Befürworter womöglich noch hundert Prozent Ja-Stimmen. Und das wäre ja wie zu Saddams Zeiten. Ihre Nachbarn hätten sich entschieden, nicht ihre Stimme abzugeben und dem Boykottaufruf der turkmenischen Parteien zu folgen. Doch Yılmaz meint, sei seien lange Jahre unsichtbar gewesen, jetzt sollten sie sich zeigen. Sie müssten klarmachen, dass sie nicht damit einverstanden sind, dass ihre Stadt Kirkuk unter kurdische Kontrolle gerät.

Unter Saddam Hussein sollten Turkmenen Araber werden. Die Arabisierungswelle des Diktators betraf nämlich nicht nur die Kurden. Als Turkmene konnte man weder Land noch Haus erwerben. Das durften nur Araber. Turkmenen waren, de facto, nicht existent. Also gaben sich viele von ihnen als Araber aus, nahmen arabische Namen an. "Und jetzt sollen wir Kurden werden?", fragt Fatma. Sie ist Englischlehrerin an einer Oberschule und hat beobachtet, dass die Spannungen zwischen den Volksgruppen in ihrer Stadt seit einiger Zeit zunehmen. Eigentlich fühlten sich die Turkmenen den Kurden verbundener als den Arabern. Beide wurden unter Saddam von Arabern gedemütigt. Auch nach seinem Sturz hörte das nicht auf. Turkmenen wurden immer wieder Opfer von Entführungen und Sprengstoffanschlägen durch arabische Extremisten, so wie die Kurden auch. Aber es sei nicht nur die gemeinsam durchlebte Geschichte, die die beiden Volksgruppen im Irak verbindet, meint Fatma. "Es ist auch die kurdische Kultur, die unserer näher ist als die arabische." Deshalb sei es so schmerzhaft, "was die jetzt mit uns machen", sagt Yılmaz und verschwindet im Wahllokal.

Nicht lange nach Schließung der Wahllokale am Montagabend steht auch schon die Wahlbeteiligung fest: Fast 80 Prozent sollen es gewesen sein, die beim Referendum über die Unabhängigkeit Kurdistans abgestimmt haben. Gestern Abend veröffentlichte die kurdische Regionalregierung, dass 90 Prozent der abgegebenen Stimmen Ja-Stimmen seien. Das amtliche Endergebnis wird am Donnerstag bekannt gegeben. "Das ist blanker Hohn", kommentiert die Herrenrunde die von der kurdischen Regionalregierung in Erbil veröffentlichte Zahl. "Da haben die sich nur selbst gezählt und uns ignoriert." Es habe massive Wahlfälschung stattgefunden. Die Männer im Hauptquartier der turkmenischen Partei "Türkmeneli" in Kirkuk sind empört. Turkmenen und Araber haben die Wahl boykottiert. Im Westen und Süden Kirkuks, wo sie mehrheitlich wohnen, blieben die Wahllokale weitgehend leer. Im Norden und Osten, wo die Kurden wohnen, herrschte dagegen reges Treiben. Als die Ausgangssperre nach Schließung der Wahllokale ausgerufen wurde, trauten sich nur noch die Kurden in ihren Vierteln auf die Straßen. Die anderen blieben bis zum Morgengrauen in ihren vier Wänden. Fast schon konspirativ versammelten sich einige Turkmenen in der Innenstadt, um über die angespannte Lage in Kirkuk zu beraten.

Bis zum Schluss hatten die Turkmenen gehofft, Masud Barzani, der Präsident der autonomen Region Kurdistan im Nordirak, sei einsichtig und würde doch noch das Referendum abblasen, vor allem in Kirkuk. Seine Absicht, über eine Unabhängigkeit vom Restirak abstimmen zu lassen, stieß überall auf Widerstand. Die Nachbarn Iran und Türkei waren dagegen, die USA und Europa ebenso – und vor allem Bagdad.

Seit die Peschmerga die Stadt verteidigten, erheben die Kurden Anspruch

Selbst aus den eigenen, kurdischen Reihen, kam Kritik an dem Vorhaben. Buchstäblich in letzter Minute konnte Barzani die Patriotische Union Kurdistans (PUK), die Partei seines Rivalen und ehemaligen irakischen Präsidenten Dschalal Talabani zum Mitmachen überzeugen. Dabei ging es nicht so sehr um die vier kurdischen Provinzen Erbil, Dohuk, Suleimanija und Halabdscha im Nordosten, die ohnehin bereits eine weitgehende Unabhängigkeit erreicht haben. Es ging vor allem um Kirkuk, wo das meiste Öl gepumpt wird und das bis zum Blitzkrieg des IS im Sommer 2014 unter der Kontrolle Bagdads stand. Seitdem kontrollieren die Peschmerga die Stadt. Für ihren Einsatz gegen die Terrormiliz fordern die Kurden, nun Kirkuk unter ihre Hoheit zu stellen.

"Sie tun so, als gäbe es uns nicht", sagt Hassan Turan über das Verhältnis Kurden-Turkmenen und hängt ständig am Telefon. Die Drähte laufen heiß. Der kleine Turkmene mit lichtem Oberhaar und ergrautem Schnauzbart gehört der "Turkmenischen Front" an und sitzt für Kirkuk im irakischen Parlament in Bagdad. Von dort bekommt er unzählige Anrufe, denn seine Abgeordnetenkollegen haben gerade beschlossen, dass Premierminister Haider al-Abadi Truppen der irakischen Armee nach Kirkuk schicken soll, um den Anspruch Bagdads auf die Stadt zu verdeutlichen und den Kurden zu zeigen, wer der eigentliche Herr im Hause ist. Inzwischen hat Abadi den Kurden ein Ultimatum gestellt. Binnen 72 Stunden sollen die Flughäfen und Grenzen von Irak-Kurdistan Bagdad übergeben werden, ansonsten werde die Zentralregierung den Luftraum über Kurdistan sperren und die Grenzen schließen lassen.

Turan sagt, dass Turkmenen, Araber und Kurden jeweils ein Drittel der eine Million Einwohner Kirkuks ausmachen, ein Prozent seien Christen. Die Kurden behaupten, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Genau weiß das niemand. Eine Volkszählung liegt Jahre zurück. Da Kirkuk mittlerweile von den kurdischen Peschmerga kontrolliert wird, würde ein Eingreifen der irakischen Armee unweigerlich eine Konfrontation zwischen den beiden Sicherheitskräften bedeuten. Es droht Bürgerkrieg in Kirkuk.