Es war an einem kühlen Wintermorgen Ende Dezember vergangenen Jahres, als die dunklen Wagen die schmale Straße an der Küste Long Islands entlangfuhren. Vor einem hohen schwarzen Tor, halb versteckt hinter Büschen, hielten sie an. Männer in Sonnenbrillen stiegen aus, sie hatten FBI-Dienstmarken umhängen. Um elf Uhr öffnete sich das Tor und ein Konvoi mit Diplomatenkennzeichen rollte die Auffahrt hinunter. Bevor die Agenten wieder verschwanden, verschlossen sie das Tor mit einer Kette und einem Vorhängeschloss.

Sie hatten das Anwesen, das am Ende der Auffahrt hinter einem Hügel liegt, beschlagnahmt. Die Order war von ganz oben gekommen: Der damalige Präsident Barack Obama persönlich hatte die Aktion angeordnet. Um die Russen für ihr Hacking und ihre Einmischung in die US-Wahlen zu bestrafen, ließ er 35 russische Diplomaten ausweisen und Immobilien einziehen, die sich im Besitz der russischen Föderation befinden. Angeblich sei von dort Spionage betrieben worden. Neben dem Anwesen auf Long Island, etwa 50 Kilometer von New York, räumten die US-Behörden am selben Tag noch ein Landgut in Maryland. Sergej Lawrow, Wladimir Putins Außenminister, sprach von einem "Raubüberfall am helllichten Tag".

Donald Trump, der im Wahlkampf für ein freundschaftlicheres Verhältnis mit Russland geworben hatte, ließ prompt per Twitter durchblicken, er werde, einmal im Amt, die Beschlagnahme rückgängig machen. Doch nun ist der Präsident selbst unter Druck geraten. Ein Sonderermittler untersucht, ob sein Wahlteam unzulässige Hilfe aus Moskau akzeptiert hat, und der US-Kongress hat ein Paket mit noch harscheren Sanktionen gegen Russland verabschiedet. Eine Nebenwirkung: Die Maßnahmen könnten auch die deutsche Energieversorgung treffen. 

Wo die Räuberbarone Erholung suchten

Nicht zuletzt war es der Streit um die von Obama beschlagnahmten Liegenschaften, der zu dieser Eskalation geführt hat. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Geschichte, die noch zu Stalins Zeiten begann. Dessen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der 1939 geholfen hatte, den Hitler-Stalin-Pakt einzufädeln, suchte nach dem Krieg ein Refugium für sowjetische Diplomaten in den USA. Die Wahl der Kommunistenführer fiel auf eine Gegend, die einst ein beliebtes Erholungsgebiet für New Yorks Räuberbarone war, darunter etwa J. P. Morgan, der reichste Banker seiner Zeit. Hier zwischen waldigen Hügeln und lauschigen Buchten, fern der Massen der Metropole, hatten die Großkapitalisten um die vorletzte Jahrhundertwende Ländereien angehäuft und darauf wahlweise Anwesen im Stil französischer Schlösser oder englischer Landsitze bauen lassen. Das neoklassische Norwich House mit 38 Räumen, das Obama an jenem Dezembertag räumen ließ, war einst der Alterssitz des Gouverneurs von New York.

Noch spektakulärer ist das benachbarte Killenworth, das Molotow 1946 Berichten zufolge für eine Million Dollar erwerben ließ. Das Haupthaus, 1912 im Tudor-Renaissancestil aus grauem Granit mit Schieferdächern gebaut, zählt 39 edelholzvertäfelte Räume, eine Orgel, zwölf offene Kamine, 13 Bäder, fünf Keller und einen 28 Meter langen Swimming Pool. Der Park misst 16 Hektar. Killenworth diente als Sommerhaus für George Dupont Pratt. Dessen Vater hatte es als Partner des Ölbarons John D. Rockefeller zu beträchtlichem Vermögen gebracht, Sohn George gilt als Gründer der Pfadfinder. Das Anwesen wurde 1913 vom High Society Magazin Country Life zum "Heim des Jahres" gekürt.

"Es ist sehr verschwiegen, man kann gut anonym bleiben"

Über die Motive der Sowjets, sich ausgerechnet hier niederzulassen, spekuliert Philip Blocklyn, Direktor der Oyster Bay Historical Society, ein Verein, der die Geschichte des Ortes dokumentiert: "Es ist sehr verschwiegen, man kann gut anonym bleiben und Grundstücksgrenzen werden strikt respektiert". Bis heute lebten Prominente und Schwerreiche unbehelligt in der Gegend, die selbst vielen Amerikanern kein Begriff ist. Nur wenige Stellen an der Küste sind für die Öffentlichkeit zugänglich, Mauern und Zäune säumen die schmalen Straßen, überall prangen "Betreten verboten"-Schilder.

Doch die Anwesen der Russen gelten bei den Anwohnern als noch geheimnisvoller als der Rest. "Ein wenig wie bei James Bond" habe sie sich gefühlt, wenn sie als Kind mit dem Fahrrad an den Wachposten vorbeigeradelt sei, erzählt Lisa Travatello, die in Glen Cove aufgewachsen ist, einer Kleinstadt mit 27.000 Einwohnern, an die Killenworth angrenzt. Ein Großteil der Einwohner ist italienischstämmig. Die Räuberbarone hatten die Einwanderer einst angesiedelt, um Personal zu haben. Allein eines der Blumenbeete im Park von Killenworth habe die Pflege von 50 Gärtnern gebraucht, heißt es in einer Chronik der Stadtarchive. Heute sind es Einwanderer aus Südamerika, die für die Wohlhabenden als Gärtner, Putzhilfen und Hilfskräfte arbeiten. In den Fünfzigerjahren zogen weiße Familien her, die weg aus den Mietskasernen New Yorks ins Grüne fliehen wollten. Sie bauten Siedlungen, die mit ihren Eigenheimen, Vorgärten und dem Ford oder GM in der Auffahrt die Erfüllung des amerikanischen Traums darstellten.