Syrien ist seit Jahren ein Bombenabwurfgelände für gut ein halbes Dutzend Interventionsmächte, darunter Israel. Fast 100 Luftangriffe haben israelische Bomberpiloten in den vergangenen fünf Jahren auf syrische Ziele geflogen. Genauer gesagt: auf Stellungen und Konvois iranischer Revolutionsgarden und libanesischer Hisbollah-Milizen – wichtige Verbündete des Assad-Regimes und gleichzeitig Erzfeinde Israels. Die internationale Gemeinschaft nahm diese Angriffe mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, weswegen Israels Ex-Geheimdienstchef Amos Jadlin stellvertretend für Militär und Regierung betonte, die Luftschläge des vergangenen Donnerstag, seien "keine Routine" gewesen.

Was war passiert? Mehrere Raketen hatten in den frühen Morgenstunden Militäreinrichtungen nahe der Stadt Hama getroffen. Sachschaden und zwei Tote, meldete lakonisch das syrische Regime. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte lieferte mehr Informationen. Getroffen wurden offenbar Einrichtungen des staatlichen Scientific Studies and Research Centre (SSRC) sowie ein Lager für Kurzstreckenraketen, bei dem immer wieder auch iranische Revolutionsgarden und Hisbollah-Kämpfer gesichtet worden seien.

Das SSRC ist laut Regime ein ziviles Forschungszentrum, laut westlicher Geheimdienste werden dort Assads Chemiewaffen entwickelt. Israel habe also, so Jadlin, eine Fabrik zerstört, die für den Tod unzähliger syrischer Zivilisten verantwortlich sei. Unter anderem für die Giftgasopfer aus der oppositionellen Kleinstadt Chan Scheichun. Über 80 Menschen waren dort am 4. April durch die syrische Luftwaffe mit dem Nervengas Sarin getötet worden, was eine Vergeltungsattacke der USA mit Cruise-Missiles nach sich gezogen hatte. Dass der Sarin-Einsatz auf das Konto des Regimes ging, hat in dieser Woche die UN-Untersuchungskommission zur Lage der Menschenrechte in Syrien noch einmal bestätigt.

Syriens Chemiewaffenprogramm taucht auch in einem anderen aktuellen UN-Bericht auf. Eigentlich hätte Assad sein gesamtes Arsenal an die "Organisation zum Verbot von Chemiewaffen" übergeben müssen. Das war Teil eines Deals, mit dem Assad nach seinem verheerenden Sarin-Angriff im Sommer 2013 auf die oppositionellen Vorstädte von Damaskus ein mögliches militärisches Eingreifen der USA abgewandt hatte. Dass er sich nicht daran gehalten hat, ist inzwischen hinlänglich bewiesen – nicht zuletzt durch die Sarin-Attacke auf Chan Scheichun. In einem vertraulichen Bericht von UN-Experten für die Sanktionen gegen Nordkorea taucht nun das SSRC gleich mehrmals auf: als Empfänger von Lieferungen der Korea Mining Development Trading Corporation (KOMID). Die KOMID ist in Nordkorea zuständig für Exporte konventioneller Waffen und Raketentechnologie, steht seit 2009 auf der Sanktionsliste des UN-Sicherheitsrats und hat reichlich Erfahrung im Umgehen eben jener Sanktionen. Laut Recherchen der UN-Experten wurden in den vergangenen sechs Monaten zwei Schiffslieferungen der KOMID an das syrische SSRC abgefangen. Die syrisch-nordkoreanische Kooperation bei C-Waffen, ballistischer Technologie und konventionellen Waffen werde weiter untersucht, heißt es in dem Bericht. Dabei geht es offenbar auch um nordkoreanische Hilfe für das syrische Scud-Raketenarsenal und die syrische Luftabwehr.

Bezweckte Israels Angriff auf das SSRC also eine Abschreckung weiterer C-Waffen-Einsätze Assads? Eher nicht. Jedenfalls nicht primär. Der Angriff vom vergangenen Donnerstag war vor allem eine Botschaft an die Großmächte.

Aller antiiranischen Tweet-Rhetorik zum Trotz hat Donald Trump die militärische und politische Expansion des Iran, dem geostrategischen Gewinner der Stunde im Nahen Osten, nicht eingedämmt. Schlimmer noch ist aus israelischer Sicht der Machtzuwachs der libanesischen Hisbollah-Miliz.

Guerillatruppe und konventionelle Armee

Ist der Krieg in Syrien erst einmal beendet oder weitgehend eingefroren, so das israelische Szenario, steht man einer schiitischen Doppelmacht gegenüber, die erstens reichlich militärische Erfahrung gesammelt hat und zweitens ihr Arsenal sehr viel näher an die israelische Grenze gebracht hat. In Israel erinnert man sich nur allzu gut daran, dass der letzte Krieg gegen Hisbollah im Jahr 2006, ausgelöst durch die Entführung zweier israelischer Soldaten, den Nimbus der Unbesiegbarkeit des israelischen Militärs schwer beschädigt hat. In einem desaströsen und teilweise völkerrechtswidrigen vierwöchigen Luftkrieg zerstörte Israel Teile des von Hisbollah kontrollierten Südlibanon mit dem Effekt, dass die Miliz militärisch nur unmaßgeblich geschwächt und politisch gestärkt aus dem Krieg hervorging. Elf Jahre später ist aus Hisbollah ein weitaus bedrohlicherer Gegner geworden, ein hybrides Modell aus Guerillatruppe und konventioneller Armee, ausgerüstet mit modernen Raketen aus dem Iran.

Das Szenario eines neuen Krieges gegen Hisbollah ist inzwischen eine israelische Obsession. Israelische Militärs drohen in Hintergrundgesprächen für den Fall, dass auch nur eine Hisbollah-Rakete Richtung Israel abgefeuert wird, mit einem Gegenschlag, bei dem von Hisbollah wenig übrig bliebe (und damit auch von Teilen des Libanon). UN-Generalsekretär António Guterres durfte bei seinem Israel-Besuch Ende August ausführlich Satellitenbilder von iranischen Raketenbauanlagen auf libanesischem Territorium ansehen. Deren Authentizität sei allerdings umstritten, schreibt der israelische Sicherheitsexperte und Autor des Blogs Tikun Olam, Richard Silverstein. Was nichts daran ändert, dass der Libanon von Israels Militärs genauso als Operationsfeld angesehen wird wie Syrien. Die Raketen auf das SSRC am Donnerstag feuerten israelische Kampfbomber offenbar im libanesischen Luftraum ab. Und Israels Armee bereitet sich gerade auf die größte Militärübung seit 20 Jahren vor: die Simulation eines Krieges gegen Hisbollah.

Wohl gemerkt: Beide, der Iran wie Hisbollah, proklamieren immer noch die Zerstörung des Staates Israel. Trotzdem schätzen viele Kritiker von Premierminister Benjamin Netanjahu die Warnungen vor einem neuen Krieg als Angstkampagne der politischen Rechten ein. Die ist derzeit in Unruhe, allen voran Netanjahu, den immer mehr Skandale umwittern.

Hisbollah hat derzeit in der Tat anderes zu tun, als einen neuen Konflikt mit dem südlichen Nachbarn heraufzubeschwören. Noch ist der Krieg in Syrien nicht zu Ende – und wenn er es bald sein sollte, hat die Schiitenmiliz mehr Interesse daran, am Wiederaufbau Syriens mitzuverdienen, als den nächsten Waffengang zu provozieren.  

Doch Silverstein verweist noch auf ein anderes Motiv für die jüngste Raketenattacke und die immer lauteren Warnungen vor Hisbollah: Israel sehe seine Rolle im Nahen Osten massiv schrumpfen. Der Einfluss auf die amerikanische Politik leidet unter der Unberechenbarkeit des derzeitigen US-Präsidenten. In Moskau ist Benjamin Netanjahu in den vergangenen Monaten gleich mehrfach damit gescheitert, Wladimir Putin zu größerer Distanz zu Teheran zu überreden. Die EU ist aus israelischer Sicht im Nahen Osten für gar nichts zu gebrauchen. Und die Annäherungen der israelischen Regierung an das saudische Königshaus und dessen antiiranischen Kurs wirken auch eher hilflos.

Die Raketen auf das SSRC dürften also ein israelischer Versuch gewesen sein, sich der eigenen militärischen Dominanz in der Region zu vergewissern. Auch dieses Mal wird vermutlich niemand in Washington oder Moskau mahnen oder gar protestieren. Und auch dieses Mal werden weder Teheran noch Hisbollah reagieren. Aber das muss nicht so bleiben. Und es war garantiert nicht der letzte israelische Angriff dieser Art.