Der Präsident der irakischen Kurdenregion, Massud Barsani, hat den Sieg für das Ja-Lager beim Unabhängigkeitsreferendum verkündet. Zugleich rief Barsani zu einem Dialog mit der Zentralregierung in Bagdad auf: "Verhandlungen sind der richtige Weg, um Probleme zu lösen", sagte er in einer Fernsehansprache und lehnte zugleich Drohungen ab. Die irakische Zentralregierung hat die Abstimmung als verfassungswidrig zurückgewiesen. Für den heutigen Mittwoch werden offizielle Ergebnisse erwartet. 

Die regionalen Behörden in den autonomen Kurdenregionen hatten von einer Wahlbeteiligung von mehr als 70 Prozent gesprochen. Viele Wähler aber berichteten von Unregelmäßigkeiten, etwa, dass einige ihre Stimme mehrfach abgegeben oder ohne ordnungsgemäße Registrierung an dem Votum teilgenommen hätten. 

Auch wenn das Votum nicht bindend ist, hat es doch eine große Symbolkraft. Die irakische Kurdenregion im Nordirak verfügt seit Jahrzehnten über weitgehende Autonomie. Dank ihres Ölreichtums und der relativen Stabilität und Sicherheit hat sich die Region wirtschaftlich gut entwickelt. Mit dem trotz aller Widerstände abgehaltenen Unabhängigkeitsreferendum sucht Kurdenpräsident Barsani nun die Kraftprobe mit der Zentralregierung in Bagdad.

Angst vor einem Staatszerfall

Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi sagte, er werde die Einheit seines Landes nicht aufgeben. Dies sei seine nationale und verfassungsgemäße Pflicht. Das Referendum nannte er einen historischen und strategischen Fehler der kurdischen Führung. Bagdad fürchtet, dass eine Abspaltung der Kurden zu einem endgültigen Staatszerfall im Irak führen könnte.   

Im Iran, ebenfalls Gegner einer kurdischen Unabhängigkeit, wurden im Staatsfernsehen Aufnahmen von Protesten gezeigt, die es in der Islamischen Republik zur Unterstützung der Kurden im Irak gab – eine Seltenheit in einem Land, dessen Armee bereits Militärübungen an der Grenze zum Irak abgehalten hat. Damit zeigte Teheran seinen Unmut angesichts des Referendums.

Größtes Volk ohne eigenen Staat

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bekräftigte, sein Land erwäge weiter alle Optionen, um die kurdischen Gebiete im Irak im Zaun zu halten. Neben militärischen Interventionen gehörten dazu genauso Wirtschaftssanktionen. Er hoffe aber, die Türkei sei dazu nicht gezwungen, sagte Erdoğan, wenn die kurdische Führung im Irak doch noch davon absehe, einen eigenen Staat auszurufen.

Mit 25 bis 35 Millionen Angehörigen gelten die Kurden als das größte Volk ohne eigenen Staat. Verteilt auf die Türkei, den Iran, den Irak und Syrien kämpfen die Kurden seit Jahrzehnten um Anerkennung, Autonomie oder Unabhängigkeit. Allerdings bilden die Kurden keine Einheit, sondern sind aufgeteilt in verschiedene sprachliche, konfessionelle und politische Gruppen, die sich untereinander teils offen befehden.