Als hätte er gerade einen Todkranken auf der Intensivstation besucht, so wirkt Sigmar Gabriel, als er in der Nacht zum Donnerstag in den Fluren des UN-Sicherheitsrats steht. Er kommt vom Treffen der Vertragsstaaten über das iranische Atomprogramm. Der Todkranke – das ist das Atomabkommen von drei europäischen Staaten plus Amerika, China und Russland mit Iran von 2015. Stirbt der Vertrag, hat nicht nur Iran ein großes Problem, sondern der Mittlere Osten, die Pazifikregion und die ganze Welt.

Die USA stellen das Abkommen infrage. In seiner Rede vor den Vereinten Nationen hat US-Präsident Donald Trump den Vertrag eine "Peinlichkeit" genannt. Er beschuldigt Iran, gegen den Geist der Abmachung zu verstoßen und mit seiner Nahmittelostpolitik die "Geißel" der Region zu sein. Die US-Regierung klagt darüber, dass Iran seine Expansion in der Region vorantreibe. Außerdem sei man schon immer gegen das von Ex-Präsident Barack Obama abgesegnete Abkommen gewesen, weil Iran in einem Jahrzehnt nicht mehr an das Abrüstungsversprechen gebunden sei.

Schon im Oktober könnten die USA Sanktionen verhängen

Kurz nach Trump macht Israels Premier Netanjahu vor den UN gegen das Abkommen Front. Einen Tag später antwortet der iranische Präsident Hassan Ruhani vor der UN-Vollversammlung überraschend ruhig, ruft zu Mäßigung und friedlicher Lösung der Konflikte auf. "Wir exportieren weder unseren Glauben noch unsere Konflikte", sagte Ruhani. Dieses Bekenntnis steht aber in hartem Kontrast zu den Feldzügen iranischer Milizen in Syrien und Irak und der Unterstützung schiitischer Aufständischer in Jemen. Die Realität ist: Iran hält sich an das Atomabkommen, doch die Revolutionsgarden krempeln weiter munter die Region um. 

Nun steht der größte Abrüstungserfolg der vergangenen Jahre auf der Kippe. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Bis Mitte Oktober muss Donald Trump dem Kongress bescheinigen, dass sich Iran an das Abkommen hält. Tut er es nicht, kann der Kongress als Antwort Sanktionen gegen Iran beschließen. Auch kann Trump die von Obama ausgesetzten Sanktionen wieder in Kraft treten lassen. Geschieht das, ist das Atomabkommen Makulatur.

Im UN-Gebäude bieten Sigmar Gabriel und Federica Mogherini alle Argumente auf, den Abrüstungsvertrag zu retten. Die EU-Außenbeauftragte Mogherini stellt fest, dass die sechs Partner keine Vertragsverletzungen erkennen können. "Das Abkommen funktioniert", sagt sie. Iran arbeite nicht weiter am Atomprogramm. Alle Probleme, die man mit Iran habe, lägen außerhalb des Abkommens. Und an die Adresse der Amerikaner sagt sie: "Dieses Abkommen ist kein bilaterales, es gehört allen Staaten der UN."

Wie blicken die USA auf den Iran?

Sigmar Gabriel warnt vor den unabsehbaren Konsequenzen weit über Iran und den Mittleren Osten hinaus. Scheitere das Abkommen, würden "die Folgewirkungen für Nordkorea verheerend sein". Gabriel plädiert für eine Doppelstrategie mit Nordkorea: harte Verhandlungen und Sanktionen. Genau dieser Ansatz werde nun unterminiert. Warum, fragt Gabriel, sollte Nordkorea noch verhandeln, wenn es den Eindruck habe, dass ein Vertrag mit einer US-Regierung nichts mehr gelte, sobald die nächste antrete? Wenn man jetzt "das einzige Beispiel für einen gelungenen Vertrag zerstört", fürchtet Gabriel, gäbe es keine Chance, Nordkorea von seinem Atomprogramm abzubringen. "Dann wird die Welt eine gefährlichere sein, denn wenn ein Staat sich Atomwaffen beschafft, werden andere dem Beispiel folgen", schließt Gabriel düster.

Doch kommen diese Argumente überhaupt noch bei den Amerikanern an? Man darf nicht vergessen, dass Präsident Trump, Außenminister Tillerson und Verteidigungsminister Mattis alle einer Generation angehören, die noch von der Besetzung der US-Botschaft in Teheran 1979 geprägt ist. In der US-Debatte spielen viele Aspekte eine Rolle: historische Erinnerung, kulturelle Vorbehalte, vor allem aber ganz viel amerikanische Innenpolitik. Trump, seine Republikaner und die Demokraten sind in ein kompliziertes Ringen über Steuer-, Immigrations- und Gesundheitsreformen verstrickt. Die emotional aufgeladene Iran-Politik ist Teil dieser Gemengelage. Es könnte sein, dass das Iran-Abkommen und mögliche Sanktionen am Ende Teil der Verhandlungsmasse werden, in der der Abrüstungsvertrag überleben oder sterben kann. Innenpolitik first. Bedenken second.