Einwanderungspolitik - »Träumer« bangen um ihre Zukunft in den USA Mit dem "Dreamers"-Dekret von Barack Obama wurden bisher 800.000 Kinder von illegal Eingewanderten vor der Deportation geschützt, nachdem sie einen Großteil ihrer Kindheit in den USA verbrachten. Das Programm hat US-Präsident Trump nun gestoppt. © Foto: Joe Penney/Reuters

Arturo Fernandez war ein ganz normales Kind in Kalifornien: Er kickte im Fußballclub seiner Kirchengemeinde und spielte auf dem Gameboy Pokémon. Die Normalität endete, als er sich für einen Kurs am Community College anmelden wollte – dafür brauchte er seine Sozialversicherungsnummer. "Du hast keine", eröffnete ihm seine Mutter. "Du bist hier nicht geboren, du bist kein US-Bürger."

Fernandez gehört zu den etwa elf Millionen Menschen, die ohne Papiere in den USA leben – entweder, weil sie illegal über die Grenze gekommen oder nach Ablauf ihres Visums nicht ausgereist sind. An sein Geburtsland Mexiko oder daran, wie er als Dreijähriger die Grenze überquerte, erinnert er sich kaum.

In Kalifornien konnte Fernandez zwar studieren, weil der Bundesstaat ein Förderprogramm für illegale Einwanderer hat, doch sein Leben schien in einer Sackgasse zu enden: Nach seinem Abschluss in Angewandter Mathematik und Statistik würde er keinen regulären Job annehmen dürfen. Doch er hatte Glück: 2012 erließ der damalige Präsident Barack Obama ein Dekret, das Kindern von Papierlosen Sonderrechte einräumt. Wer nach 1981 geboren ist, vor 2007 als unter 16-Jähriger in die USA gebracht wurde und keine Straftaten begangen hat, darf unter einem Programm mit dem Titel Deferred Action for Childhood Arrivals (Daca) arbeiten, einen Führerschein machen und ist vor einer Abschiebung sicher.

Die "Träumer" sind Vorzeige-Einwanderer

Fernandez und etwa 800.000 andere junge Leute bewarben sich erfolgreich für das Programm. Obama schenkte ihnen den Amerikanischen Traum, der ihren Eltern verwehrt bleibt. Die DREAMers, wie sie sich fortan nannten, sind die Lieblingseinwanderer der US-Amerikaner. Fast alle wuchsen zweisprachig auf und genossen als Erste in der Familie eine exzellente Ausbildung an US-Schulen und Hochschulen. Das Daca-Programm holte sie aus dem Schattendasein, das andere Papierlose führen – sie machten Karriere oder wurden als Bürgerrechtler zum Gesicht der Papierlosen.

91 Prozent der Daca-Empfänger arbeiten einer Studie des Politologen Tom K. Wang zufolge, viele studieren nebenbei. Arbeitslos sind nur fünf Prozent, das entspricht dem US-Schnitt. Das Programm zu beenden, würde die US-Wirtschaft im nächsten Jahrzehnt demnach 460 Milliarden US-Dollar (387 Milliarden Euro) kosten.

Vor Obamas Dekret hatten sich viele der jungen Einwanderer mit Schwarzarbeit über Wasser gehalten; plötzlich stand ihnen der legale US-Arbeitsmarkt offen. Der Umfrage zufolge bekamen zwei von drei Daca-Empfängern anschließend einen besser bezahlten Job, ihr Stundenlohn stieg um 42 Prozent – entsprechend stiegen auch ihre Steuerabgaben.

"Daca hat Unglaubliches geleistet", sagt die deutschstämmige Anwältin für Einwanderungsrecht, Dagmar Butte, die seit Jahrzehnten in den USA arbeitet. "Diese jungen Leute können endlich das tun, woran ihr Status sie zuvor gehindert hat: zur Uni gehen, im Militär dienen, Jobs annehmen und sich mit ihren Familien in der Öffentlichkeit zeigen. Und ihre Kinder können endlich mit der Gewissheit schlafen, dass Mama oder Papa nicht einfach abgeholt werden können."

Butte war eine der Beraterinnen, die das Daca-Dekret für den damaligen Senator von Illinois – und Präsidentschaftskandidaten – Barack Obama entwarfen. "Es war nicht perfekt, aber das Beste, das wir damals tun konnten", räumt sie am Rande einer Anwaltskonferenz in Washington ein. "Obama wusste, dass der Kongress eine Einwanderungsreform blockieren würde. Dieser Präsidialerlass war eine Minimalversion."

US-Medien: Trump will Daca beenden

US-Präsident Donald Trump ließ die DREAMers lange im Ungewissen: Im Wahlkampf hatte er Obamas Dekret noch als "verfassungswidrigen Straferlass" bezeichnet und versprochen, es am ersten Tag seiner Amtszeit zu stoppen. Drei Viertel seiner Wähler und 80 Prozent aller Republikaner sind einer Umfrage zufolge jedoch dafür, die DREAMers nicht abzuschieben. "Daca ist ein sehr, sehr schwieriges Thema für mich", gestand Trump schließlich bei einer Pressekonferenz im Januar. "Wir werden ein großes Herz beweisen." Am Freitag setzte er im Gespräch mit Reportern noch eins drauf: "Wir lieben die Träumer, wir lieben alle."

Doch kurz darauf berichteten Politico und die New York Times unter Berufung auf hochrangige Regierungsmitarbeiter, der Präsident werde das Daca-Programm mit einer Verzögerung von sechs Monaten aufheben – seine Entscheidung will er demnach an diesem Dienstag bekannt geben. Die Halbjahresfrist gäbe dem Kongress die Möglichkeit, eine Alternative für die Betroffenen zu finden – vorausgesetzt, dass sich die Abgeordneten einigen. Mit seinen Plänen stößt Trump auch in seiner eigenen Partei auf Ablehnung, etwa bei Paul Ryan, dem Mehrheitsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus.

Mehrere US-Bundesstaaten hatten Trump zwar aufgefordert, das Programm spätestens am 5. September auslaufen zu lassen und damit gedroht, dies notfalls vor Gericht zu erzwingen. Die Staaten New York und Washington halten aber dagegen: Sie drohen mit einer Klage gegen Trump, sollte dieser das Daca-Programm abschaffen. "Trumps Handeln würde das Leben von Hunderttausenden jungen Menschen auf den Kopf stellen, für die Amerika immer ihr Zuhause war", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Gouverneur Andrew Cuomo und dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman.

Selbst die Chefs von Amazon, Apple, Facebook und General Motors hatten das Weiße Haus und den Kongress in einem Brief aufgefordert, Daca zu verlängern. Andernfalls seien wirtschaftliche Einbußen zu befürchten. 250 seiner Mitarbeiter seien DREAMers und er stehe für sie ein, twitterte Apple-Chef Tim Cook. "Sie verdienen unseren Respekt unter Gleichberechtigten und eine Lösung, die auf amerikanischen Werten steht." Und Facebook-Chef Marc Zuckerberg zeigt den 96 Millionen Abonnenten seiner Seite derzeit ein neues Profilbild mit dem Spruch: "Ich unterstütze Daca."

Behörden könnten Listen missbrauchen

"Wenn Kinder von Einwanderern hören, dass sie anders sind, reagieren die meisten geschockt oder ängstlich", sagt der Erziehungswissenschaftler Roberto Gonzales. Der Harvard-Professor hat 300 Daca-Bewerber in den USA für eine Studie interviewt. "Sie kapseln sich ab, um nicht aufzufallen. Während ihre Freunde schrittweise erwachsen werden – den Führerschein machen, auf Partys gehen, sich für Unis bewerben, ins Ausland reisen – müssen Jugendliche ohne Papiere Ausreden erfinden, um zu begründen, warum sie nicht mitmachen können." Viele verbinden ihre eigene Herkunft mit einem Stigma und fühlen sich wie Kriminelle, obwohl ihre Eltern für sie entschieden haben, in die USA zu kommen, hat Gonzales beobachtet. "Daca hat ihnen die Angst genommen, sich zu zeigen."

Die ausstehende Entscheidung könnte diese Angst zurückbringen. "Wir versuchen Panik zu vermeiden", sagt Sally Kinoshita vom Immigrant Legal Resource Center in San Francisco, das eine Liste mit konkreten Empfehlungen für Daca-Empfänger veröffentlicht hat. "Der schlimmste Fall wäre allerdings, dass die Regierung die Arbeitsgenehmigungen für ungültig erklärt und die Daca-Adressenlisten missbraucht, um Familien gezielt abzuschieben."

Aus dem kalifornischen Pokémon-Fußball-Kind Arturo Fernandez ist inzwischen ein junger Mann geworden, der an der Universität Berkeley promoviert, als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet und zu Konferenzen ins Ausland reist – vor dem Daca-Programm undenkbar für einen Papierlosen. "Wenn wir Daca verlieren, gehen wir einen Riesenschritt in der Geschichte zurück", sagt Fernandez. "Dabei hatten wir das Gefühl, es ginge nun endlich vorwärts und wir könnten etwas aus unserem Leben machen."

USA - Trump stoppt Schutzprogramm für junge Migranten US-Präsident Donald Trump hat das Daca-Schutzprogramm für Migranten, die als Kinder illegal in die USA eingereist waren, beendet. Demonstranten protestierten gegen die Entscheidung. © Foto: Kevin Lamarque/Reuters