Im Streit um mögliche Gesundheitsrisiken des Pestizids Glyphosat fordern Abgeordnete des Europaparlaments einen Untersuchungsausschuss. Sie wollen herausfinden, ob und inwiefern der US-Agrarkonzern Monsanto wissenschaftliche Forschung beeinflusst hat. Die Bildung einer Kommission sei "erforderlich", teilten die sozialistischen EU-Abgeordneten Éric Andrieu aus Frankreich und Marc Tarabella aus Belgien mit. Es gebe zu viele ungeklärte Fragen.

Zuvor hatten die Parlamentarier mehrere Experten zum Thema angehört, nicht aber die Mitarbeiter des Konzerns. Sie hatten alle Vorladungen zur Teilnahme an der Anhörung ausgeschlagen; daraufhin erteilte das Parlament Monsanto-Lobbyisten Hausverbot.

Die französische Zeitung Le Monde hatte unter Berufung auf interne Mails berichtet, dass Monsanto einige der Veröffentlichungen über Glyphosat zumindest zum Teil selbst geschrieben und bezahlt hat. Die finanzielle Abhängigkeit der Autoren wurde demnach nicht kenntlich gemacht. Monsanto widerspricht der Darstellung. Das Unternehmen arbeite transparent und habe "seine Rolle in wissenschaftlichen Kollaborationen immer vollständig eingeräumt".

EU-Kommission wollte Glyphosat noch zehn Jahre zulassen

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Die Grünen) forderte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) auf, in Sachen Glyphosat "endlich Farbe zu bekennen".

Der Einsatz des Herbizids ist in Europa hoch umstritten: Während das Internationale Krebsforschungszentrum die Chemikalie als "wahrscheinlich" krebserregend einstufte, kamen Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU zu einem anderen Schluss. Die EU-Kommission hatte die Zulassung für den Unkrautvernichter vorläufig bis Ende dieses Jahres verlängert und hatte zuletzt vor, dem Expertenausschuss eine Verlängerung der Zulassung um zehn Jahre vorzuschlagen.

Wissenschaftler äußern Bedenken

Zuvor hatte Professor Christopher J. Portier von der Universität Maastricht "schwere Bedenken" hinsichtlich der positiven Glyphosat-Bewertung der EU-Behörden Efsa und Echa geäußert. Sie hätten Daten der Industrie ungeprüft übernommen und sich nicht mit allen einschlägigen Forschungsergebnissen befasst. "Es gibt keine Bewertung, die alle Tumore diskutiert hätte", sagte Portier über Tests an Ratten und Mäusen. Die Behörden sollten diese Versäumnisse nachholen.  

Efsa-Referatsleiter José Tarazona verteidigte die positive Bewertung des Mittels. Dass in die Bewertung auch Studien der Industrie eingeflossen seien, sei nichts Ungewöhnliches.

Der Plagiatsprüfer Stefan Weber sagte, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) habe für seinen Glyphosat-Bericht wesentliche Angaben von Herstellern des umstrittenen Unkrautgifts wörtlich übernommen. Der Bewertungsbericht des BfR und damit die wissenschaftliche Grundlage für die von der EU-Kommission vorgeschlagene Zulassungsverlängerung von Glyphosat für weitere zehn Jahre erfülle in wesentlichen Teilen die "Kriterien eines Textplagiats", erklärte er.

WHO stuft Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein

Die Toxikologin Kate Guyton von der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC sagte, ihre Organisation habe nur begrenzte Beweise für eine Kanzerogenität von Glyphosat bei Menschen gefunden, aber ausreichende Beweise bei Tieren. Die Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation habe den Stoff deshalb als "wahrscheinlich kanzerogen bei Menschen" klassifiziert. Zur Aussagekraft von Studien, die von der Industrie finanziert wurden, sagte Guyton: "Bei finanziellen Interessen fehlt oft die Objektivität."

Die Expertin Carey Gillam von der US-Organisation The Right to Know sprach von "Industriepropaganda". Sie hält es für erwiesen, dass der Chemiekonzern Monsanto bei Glyphosat "eine lange Geschichte des Betrugs und der Verschleierung" geschrieben habe.