Das Nuklearabkommen mit dem Iran mag in diesen Tagen noch immer viele Freunde haben. Aber seine Feinde sind mächtig genug, das Erreichte in den Staub der Geschichte zu treten – ohne etwas Besseres vorlegen zu können. Allen voran Donald Trump sieht es als einen der "schlechtesten und einseitigsten Verträge, dem die Vereinigten Staaten jemals beigetreten sind", eine "Peinlichkeit" sondergleichen, wie er jüngst vor der UN-Vollversammlung wiederholte. Inzwischen deutet sich an, dass der US-Präsident in der nächsten Woche zwar nicht den ganz harten Schnitt machen wird: Er wird in seiner am 12. Oktober erwarteten Rede vor dem Kongress nicht die einseitige Aufkündigung der Vereinbarungen bekannt geben. So berichten es zumindest amerikanische Medien. Doch Trump beginnt schon mit Schuldzuweisungen, er hat es zuletzt mehrfach betont: "Sie leben den Geist des Abkommens nicht." Den Iranern, so heißt es, wolle er deshalb entgegen der Einschätzung aller anderen Beteiligten (die Vetomächte des UN-Sicherheitsrats plus Deutschland) und wohl auch gegen den Rat anderer US-Regierungsmitglieder nicht mehr attestieren, seine Pflichten einzuhalten.

Die destruktive Krawallpolitik dieses Präsidenten, der kaum selbst etwas auf den Weg bringt, aber geradezu lustvoll fremde Errungenschaften diskreditiert und aus der Welt schaffen will, wird einmal mehr zum Problem. Seine Vorstellung, man könne einfach alles wegwerfen, neu verhandeln, etwas Besseres rausholen – sie ist auf keinem Gebiet so falsch und gefährlich wie im Fall des Iran-Abkommens.

Anfang 2016 war die Vereinbarung mit dem Iran in Kraft getreten, gegen große Widerstände auf allen Seiten, etwa auch innerhalb des Irans. Mehr als ein Jahrzehnt diplomatischer Bemühungen war vorausgegangen, am Ende standen zwanzig Monate ernsthafter Verhandlungen. Mehr als einmal standen sie vor dem Aus. Dann der Deal: Der Iran unterwirft sich, um den Bau der Bombe zu verhindern, den nötigen technischen und inhaltlichen Beschränkungen seines Atomprogramms, was transparent und durch fortwährende Kontrollen sichergestellt wird; im Gegenzug werden die Sanktionen gelockert, vorsichtig und vor allem reversibel, werden die Auflagen nicht erfüllt, können auch wieder Strafmaßnahmen folgen.

Für die westlichen Verhandler stand nie infrage, dass der Iran den Bau von Atomwaffen anstrebt. Sie machten sich nicht die Illusion, das Nuklearabkommen sei perfekt, aber sie wussten, die Alternative hätte ein weiterer Krieg im Nahen Osten sein können. Und so war völlig klar, dass das Abkommen nur ein Anfang sein konnte. Es würde den Weg zur Bombe nicht nachhaltig verstellen, sondern bestenfalls um Jahre verlängern – die diplomatisch zu nutzen wären. Das Regime in Teheran hatte ja auch stets betont, dass durchaus über andere Dinge verhandelt werden könnte, solange die im Abkommen festgehaltenen Vereinbarungen Bestand hätten.

Trump steht allein da

Die drohende einseitige Aufkündigung des Abkommens durch die USA wiederum würde alles Erreichte zur Disposition stellen. Welchen Anreiz sollte der Iran dann noch haben, gemeinsame Schritte zu vereinbaren? Und warum sollte beispielsweise Nordkorea glauben, es sei eine gute Idee, mit den Amerikanern in Nuklearwaffenfragen zu verhandeln? Wenn offenbar einmal geschlossene, internationale Übereinkünfte so schnell nichtig werden können, wie in westlichen Demokratien die Regierung wechselt.

Das Nuklearabkommen mit dem Iran war nicht nur eine historische Einigung nach Jahren aussichtsloser Bemühungen. Es war auch der erste und bisher einzige Fall, in dem ein Land, gegen das gezielte Sanktionen nach Kapitel 7 der UN-Charta verhängt wurden, auf dem Wege der Diplomatie zu einem Kompromiss bewegt wurde – und nicht durch den Einsatz militärischer Gewalt oder die vollständige Umsetzung der Forderungen in Aussicht auf eine solche Intervention, denn schließlich wären die entsprechenden Resolutionen für den Iran rechtlich bindend gewesen. Ein Erfolg, der im Übrigen nachhaltige Effekte auch für die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran gebracht hat: Sie waren seit 1979 abgebrochen gewesen, nun bestehen regelmäßige Kontakte auf Ministerebene.

Wenn Trump nun die Einhaltung des Abkommens durch den Iran nicht erneut bestätigt – die Frist für diese alle neunzig Tage fällige Entscheidung läuft am 15. Oktober ab –, dann ist sein Kalkül offenbar Folgendes: Der US-Senat müsste danach innerhalb von sechzig Tagen beschließen, was nun zu tun wäre, etwa die ausgesetzten Sanktionen wieder greifen lassen. Auch wenn dafür keine Mehrheit sicher ist, will Trump das Land auf diesem Weg womöglich unter Druck setzen, zumindest über Teile der Vereinbarungen neu zu verhandeln. Abgesehen davon, dass der Iran daran wenig Interesse haben dürfte, verfolgt Trump eine Strategie, die keines der anderen Partnerländer des Abkommens mitträgt. Im Gegenteil: Sie appellieren in diesen Tagen geschlossen an den US-Präsidenten, den Deal in allen Details zu erhalten. Ob Trump ihre Sorgen versteht, ist äußerst fraglich.