Nun ist der "Islamische Staat" auch seine Hauptstadt los. Kämpfer der Syrian Democratic Forces (SDF), der von den USA unterstützten Bodentruppen, drehten in Rakka Siegesrunden rund um den Al-Naeem-Platz, wo der IS die Köpfe enthaupteter Opfer ausgestellt hatte und jetzt nur noch verkohlte Ruinen stehen. Die Menschen, die den Befreiern hätten zujubeln können, sind geflohen. Wann sie zurückkehren können, weiß derzeit niemand.   

In diesem ersten Resümee steckt das ganze Dilemma. Da ist zum einen die Erleichterung über die Vertreibung einer islamistischen Gruppe, die mit der Brutalität einer mexikanischen Drogengang und der PR-Qualität eines Hollywoodstudios drei Jahre lang Terror mit territorialer Kontrolle kombinieren konnte. Und da ist zum anderen das Entsetzen über den Preis der Befreiung vom IS: die erneute Zerstörung weiter Teile einer Stadt und der Tod vieler Zivilisten.

Im besten Fall würden nun ähnlich viele Ressourcen, die in den Krieg gegen den IS geflossen sind, in den Wiederaufbau von Rakka investiert.

Es würden die lokalen Selbstverwaltungsräte international unterstützt, die einst gegen das Assad-Regime entstanden und dann unter die Räder korrupter Rebellen-Fraktionen und schließlich des IS gerieten. Es gäbe Schutzgarantien, dass Rakka am Ende nicht doch wieder in die Hände des Assad-Regimes fällt. 
Das klingt nach naivem Wunschdenken – gerade in Syrien. Die Ansätze für dieses Szenario sind jedoch vorhanden. Die Frage ist, ob sie entschieden genug umgesetzt werden oder in den bewaffneten Konflikten um eine Post-IS-Ordnung zerrieben werden.

Die Araber misstrauen den Kurden

Natürlich sind die Ressourcen vorhanden. Sowohl die USA als auch die EU könnten bereits jetzt Gelder bereitstellen, und die Vereinten Nationen haben erklärt, so schnell wie möglich in Rakka aktiv zu werden – vor allem, um die rund 300.000 Zivilisten in den elendigen Camps nahe der Stadt zu versorgen, die dort voraussichtlich noch Monate, wenn nicht Jahre ausharren müssen.

Auch den lokalen Verwaltungsrat gibt es – wie auch in den anderen schrumpfenden Regionen der syrischen Opposition immer noch solche Gremien existieren und funktionieren. Der Raqqa civilian council, unter kurdischer Federführung eingesetzt, sitzt derzeit noch in der Kleinstadt Ain Issa, besteht aus Männern und Frauen, Arabern, Kurden und Assyrern, und trifft durchaus schon Entscheidungen – unter anderem die Begnadigung gefangener IS-Fußsoldaten, darunter Teenager. Man wolle keine Rachefeldzüge, sagte ein Ratssprecher.

Den civilian council erwartet in den Ruinen von Rakka eine Herkules-Aufgabe. Sein größtes Problem aber ist die Frage seiner politischen Unabhängigkeit. Rakka war eine mehrheitlich arabische Stadt und zudem ein Zentrum der Opposition gegen Assad. Nicht wenige, die sich auf eine Rückkehr vorbereiten, sehen in dem Verwaltungsrat ein Instrument kurdischer Einfluss- oder Übernahme. Denn die SDF, die Rakka samt Umgebung nun kontrollieren, werden von den kurdischen Milizen der People's Protection Units (YPG) dominiert, dem militärischen Arm der PKK-nahen Demokratischen Einheitspartei (YPD). Für die YPD hatte im Verlauf des syrischen Bürgerkriegs das Ziel einer weitreichenden kurdischen Autonomie immer höhere Priorität als die Ablösung des Assad-Regimes. Das machte viele arabische Syrer misstrauisch. 

Ähnlich wie die Peschmerga-Kämpfer der Kurden im Nordirak haben sich die YPG-Einheiten nicht nur als zuverlässige Bodentruppen im Kampf gegen den IS erwiesen, sondern dabei auch ihren kurdischen Regionen zusätzliches Territorium einverleibt. Im Nordirak mündete der fahrlässige Versuch, entlang dieser Neueroberungen die Grenzen für einen unabhängigen Staat zu ziehen, gerade erst in ein Desaster für die Kurden. Iraks Armee und schiitische Milizen haben die Peschmerga nach dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum binnen weniger Tage aus den umstrittenen (und ölreichen) Gebieten vertrieben, ohne dass die USA und Deutschland auch nur einen Finger für ihre kurdischen Verbündeten gerührt hätten. Der Traum der irakischen Kurden von einem unabhängigen Staat ist damit geplatzt.